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Mobilitätsmanagement in Deutschland und im Ausland, Stand von Theorie und Praxis

Erstellt am: 08.09.2003
Autoren:   Beckmann, Klaus
Finke, Timo
Krug, Stephan
Langweg, Armin
Meinhard, Dirk
Witte, Andreas
Erscheinungsjahr / -datum:   2003
Herausgeber:   Institut für Stadtbauwesen und Stadtverkehr, RWTH Aachen
IVV-Ingenieurgruppe für Verkehrswesen und Verfahrensentwicklung
Verlag / Ort:   Aachen
Zitiert als:   [LWFB03]
Art der Veröffentlichung:   Projektbericht
Sprache:   deutsch
ISBN oder ISSN:   3-88354-145-1
Sonstige Informationen:   Der Abschlussbericht des FOPS-Projektes 70.657/01 im Auftrag des Bundesministeriums für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen ist als CD-Rom erhältlich.
Review
Erstellt am: 06.05.2004 | Stand des Wissens: 05.07.2016

Ansprechperson:
Ziel / Zweck
Die Studie soll aufzeigen, wie sich die verschiedenen Mobilitätsmanagement-Ansätze voneinander unterscheiden und wie sie von den verwandten Ansätzen des Verkehrsmanagements abgegrenzt werden können. Des Weiteren soll ein bewertender Überblick über den derzeitigen Umsetzungsstand im Mobilitätsmanagement gegeben werden.

Weitere Aufgaben:
  • Entwicklung von Handlungsempfehlungen für Bund, Länder und Kommunen,
  • Impulse geben für eine flächendeckende Verbreitung des Mobilitätsmanagements in Deutschland und
  • Entwicklung eines Handbuchs.


Methodik und Durchführung
  • Literaturauswertung
  • Theoretisch-konzeptionelle Arbeit
  • andere Methodik
  • telefonische Gespräche mit Experten im Mobilitätsmanagement
  • schematisierte Dokumentation von Praxisbeispielen und Best-Practice-Beispielen
  • Durchführung und Dokumentation eines Expertenforums
  • Erstellung von Empfehlungen


Ergebnisse und Schlussfolgerungen
Einordnung des Handlungskonzeptes Mobilitätsmanagement

Die in Europa am weitesten anerkannte Definition von Mobilitätsmanagement (MM) lautet: "Mobilitätsmanagement ist ein nachfrageorientierter Ansatz im Bereich des Personen- und Güterverkehrs, der neue Kooperationen initiiert und ein Maßnahmenpaket bereitstellt, um eine effiziente, umwelt- und sozialverträgliche (nachhaltige) Mobilität anzuregen und zu fördern. Die Maßnahmen basieren im wesentlichen auf den Handlungsfeldern Information, Kommunikation, Organisation und Koordination und bedürfen eines Marketings" (u. a. ILSISB00). Der Begriff "Mobilitätsmanagement" wird jedoch auf europäischer und nationaler Ebene nicht einheitlich verwendet.

Durch MM soll u. a. die Interaktion zwischen der Nachfrageseite und der Angebotsseite in einem kooperativen, nachhaltigen Politik- und Planungsprozess gefördert werden. Maßnahmen des MM werden häufig als "weiche Maßnahmen" bezeichnet

Im Mobilitätsmanagement haben sich spezifische "Instrumente" herausgebildet:
  • Mobilitätsmanager, -berater und -koordinator: Rollen, die als Teilaufgabe oder als volle Aufgabe von einer oder mehreren Personen übernommen wird.
  • Mobilitätszentrale und -büro: räumliche bzw. funktionale Einheiten.
  • Mobilitätsplan: Handlungsanleitung zur Umsetzung.
In der Praxis sind vier wesentliche Handlungsfelder des MM zu finden, die unterschiedlich weit entwickelt sind:
  • Kommunales Mobilitätsmanagement mit dem Schwerpunkt Organisation und Koordination,
  • Mobilitätsberatung und Mobilitätszentralen,
  • Betriebliches Mobilitätsmanagement und
  • MM für spezielle Zielgruppen und Standorte (vgl. Abb. LWFB03-57).
Kommunales Mobilitätsmanagement mit dem Schwerpunkt Organisation und Koordination

Kommunales Mobilitätsmanagement als ämter- und verkehrsträgerübergreifende Koordinierung von Maßnahmen der Verkehrsnachfragebeeinflussung ist in Deutschland und im Ausland bisher keine verbreitete Praxis. In der Theorie ist das Konzept relativ weit entwickelt, es mangelt jedoch an der Umsetzung. Ursachen hierfür sind:
  • MM ist keine Pflichtaufgabe von Kommunen,
  • freiwillige, abteilungsübergreifende Arbeiten sind mit größere Schwierigkeiten behaftet als abteilungsinterne Erledigungen des "Pflichtgeschäftes",
  • die Finanzierung von Personalkosten ist mit den Förderinstrumenten kaum möglich,
  • eine Initialwirkung des Bundes im Bereich Koordinierungs-, Förder- und gesetzliche Initiativen ist noch nicht erfolgt und
  • Aufgabenbeschreibung für Mobilitätsmanager und Mobilitätsbeauftragte ist nicht eindeutig.
Wichtigste Aufgaben bei der Förderung des kommunalen MM sind Überzeugungsarbeit nach Innen und Außen.

Mobilitätsberatung und Mobilitätszentralen

Im europäischen Vergleich sind Mobilitätszentralen in Deutschland gut etabliert, aber es kann nicht von einer flächendeckenden Versorgung gesprochen werden. Die Finanzierung der bestehenden Angebote ist nicht überall gesichert. Die geänderten Rahmenbedingungen als Folge der Liberalisierung der Nahverkehrsmärkte lassen ein verstärktes Engagement von Ländern und Kommunen notwendig erscheinen.

Für eine weitere Entwicklung erscheint es sinnvoll, Qualitätsstandards zu definieren.

Der Bereich der professionellen, institutionalisierten Mobilitätsberatung durch Mobilitätsberater liegt derzeit relativ brach. Für eine Aktivierung von privatwirtschaftlichem und betrieblichem Engagement für eine Optimierung des Mobilitätsverhaltens scheint u. U. eine Kopplung mit z. B. Energieberatung und Gesundheitsvorsorge sinnvoll.

Synergiepotenziale liegen in einer stärkeren Vernetzung und einem Ausbau von Fahrplan- und weiteren Auskunftssystemen.

Betriebliches Mobilitätsmanagement

Zahlreiche Beispiele dokumentieren, dass freiwillig mit betrieblichem Mobilitätsmanagement begonnen wird, weil Nutzen für Arbeitgeber und -nehmer bestehen. Diese sind jedoch nicht immer sofort ersichtlich und "gewinnbringend", sondern v. a. im Zuge von baulichen Erweiterungsabsichten. Bei kombinierten Pull- und Push-Maßnahmen sind Reduzierungen beim MIV-Aufkommen und beim Stellplatzbedarf von 20 % realistisch. Systematische Untersuchungen der verkehrlichen und finanziellen Nutzen fehlen jedoch bisher.

Betriebliches MM wird oft nur ansatzweise und selektiv praktiziert, nicht systematisch ausgebaut und oft nicht unter der Bezeichnung "Mobilitätsmanagement" subsumiert (vgl. Abb. LWFB03-91).

Die Verbreitung von betrieblichem MM könnte über regionale Beratungsstellen mit einer kostenlosen Erstberatung für Unternehmen und der Vermittlung von privaten Dienstleistern zur Erstellung eines standortbezogenen Mobilitätsplans gefördert werden (vgl. Niederlande).

Mobilitätsmanagement für spezielle Zielgruppen und Standorte

Mobilitätsmanagement an Schulen ist in Deutschland noch wenig verbreitet. Eine Ausweitung bedarf einer stärkeren Initiierung und der Bereitstellung von praktischen Unterrichtsmaterialien durch Kultusministerien und Schulämter. Beispiele aus Großbritannien und Belgien demonstrieren, wie schulisches Mobilitätsmanagement durch staatliches Engagement flächendeckend umgesetzt werden kann.

Ähnlich verhält es sich mit Mobilitätsmanagement an Standorten mit Gelegenheitsverkehr (Kliniken, Stadtverwaltungen, Flughäfen...) und an Wohnstandorten. Um hier Erfolge zu erzielen, sind Koordinierung und Initiierung durch die Kommune erforderlich.

Controlling und Wirkungsermittlung

Bei der Ermittlung der Nutzen bzw. Effekte von MM besteht noch weiterer Forschungsbedarf. Er erscheint nötig, um eine breitere Akzeptanz des Ansatzes zu errreichen. Der Nutzen ist dabei auf unterschiedlichen Ebenen zu beurteilen:
  • aus volkswirtschaftlicher Sicht (Umweltentlastung, Arbeitsplatzeffekte etc.),
  • aus der Sicht von Verkehrsunternehmen (Gewinnen von neuen Kunden, Optimierung des Betriebes etc.),
  • aus kommunaler Sicht (Imagegewinn, Einsparung von Infrastruktur, Entlastung von Problempunkten, Erhöhung der Verkehrssicherheit, verbesserte Kommunikation und Kooperation etc.),
  • aus der Sicht von Betrieben (Entschärfung von Parkplatzproblemen, Optimierung des Fuhrparks, Imageverbesserung, Motivation der Mitarbeiter, geringerer Krankenstand) und
  • aus Sicht der individuellen Nutzer (Kosteneinsparung, Ausweitung der Wahlmöglichkeiten von Mobilitätsalternativen etc.).

Die Autoren empfehlen

... auf Bundesebene
:
  • Koordination bestehender Initiativen und Informationsangebote,
  • Verbesserung rechtlicher Rahmenbedingungen,
  • Durchführung von Pilotprojekten unter Einschluss einer Wirkungsermittlung
  • Aufbau einer gezielten "Förderkulisse", ggf. Abkehr von unimodalen und infrastrukturorientierten Förderprogrammen (v. a. GVFG) sowie
  • Aufbau einer nationalen Mobilitätsmanagement-Strategie.
... für Bund und Länder
  • Förderung von Mobilitätskonzepten und Mobilitätsplänen in Betrieben (vgl. Österreich),
  • Entwicklung geeigneter Organisationsstrukturen für schulisches Mobilitätsmanagement, für eine Beratung bei der Standortwahl für Unternehmen und Haushalte,
  • Aufnahme der Möglichkeit zur Ablösung von Stellplätzen oder zum Verzicht auf Stellplätze bei geeigneten Mobilitätsmanagement-Maßnahmen,
  • Verbreitung und Qualitätssicherung von Mobilitätszentralen auf der Basis von definierten Mindeststandards und
  • Prüfung eines (landesweiten) Instruments Nahverkehrsabgabe für Finanzierung der Mobilitätsberatung durch Kommunen.
... für Kommunen
  • Aufbau von übergreifenden Verwaltungsstrukturen mit multimodalen Zuständigkeiten,
  • Ausbau von Kommunikation und Kooperation mit externen Partnern, auch aus Gesundheit und Wirtschaft,
  • eine organisatorische und technologische Vernetzung von MM mit Verkehrsmanagement,
  • Einbindung von MM in die räumliche Planung und
  • kommunales Mobilitätsleitbild.
... für Verkehrsunternehmen und Verkehrsverbünde

Im zunehmenden Wettbewerb empfiehlt es sich für die Sicherung der Mobilitätsberatung:
  • diese in Partnerschaft mit verschiedenen Akteuren weiterzuentwickeln, um eine optimierte (Kosten, Umweltwirkungen) und verkehrsmittelübergreifende Wegeorganisation für die Nutzer zu gewährleisten,
  • verstärkt Telematiklösungen für Auskunfts-, Vertriebs-, Vermietungs- und Vermittlungsaufgaben einzusetzten und
  • kommunale Informations- und Beratungskapazitäten gemeinsam mit Verbänden als auch Berufsgenossenschaften aufzubauen und zu betreiben.


Einordnung in die Forschung / Relevanz für die Politikberatung
Beispiele aus dem europäischen Ausland wie auch aus den USA zeigen ein erhebliches Potenzial des Mobilitätsmanagements zur Beeinflussung der Mobilität und damit der Verringerung von verkehrlichen Problemen und deren Folgewirkungen. Die Autoren geben Empfehlungen zu den folgenden Punkten:

1. Information und Kenntnisstand verbessern
2. Dokumentation und Wirkungsermittlung sicherstellen
3. Politische Überzeugungsarbeit betreiben
4. Stärkere Technikintegration gewährleisten
5. Vernetzung mit anderen Fachdisziplinen fordern
6. Zuständigkeiten auf den verschiedenen Ebenen klären
7. Rechtliche Rahmenbedingungen verbessern
8. Umsetzung gezielt fördern
Ansprechperson
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?55885

Gedruckt am Sonntag, 23. Februar 2025 03:44:48