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Ökologische und soziale Verantwortung von Handelsunternehmen

Erstellt am: 21.08.2013 | Stand des Wissens: 27.04.2023
Synthesebericht gehört zu:
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Verkehrsplanung und Logistik, Prof. Dr.-Ing. H. Flämig

Das Konsumverhalten von Nachfragern wird unter anderem von der Fähigkeit des Handelsunternehmens bestimmt, verantwortungsbewusst zu wirtschaften. Der Anteil der deutschen Bevölkerung, der einen auf Gesundheit und Nachhaltigkeit basierenden Lebensstil verfolgt und einer qualitätsorientierten, nachhaltigen Wirtschafts- und Lebensweise einen hohen Stellenwert einräumt, wächst. Im Jahr 2023 macht diese Konsumentengruppe bereits mehr als 40 Prozent der Bevölkerung aus. 2014 waren es noch 20 Prozent. Somit wird dieser kritische (und häufig auch kaufkräftige) Konsumententyp zunehmend zu einer bedeutenden Zielgruppe für viele Unternehmen. Konsumentenentscheidungen beziehen sich mehr und mehr auf den Umgang mit Ressourcen und die Ethik der Herstellung [VuMA23].

Die Wahl des Anbieters/Einzelhändlers hängt in diesem Zusammenhang von Kriterien wie dem Angebot regionaler Produkte, den Arbeitsbedingungen bei Einzelhandelsunternehmen und Produzenten sowie einer umweltschonenden Produktionsweise von Einzelhändlern und Produzenten ab [Anze12]. Verantwortungsbewusste Unternehmensführung wird mit dem Begriff "Corporate Social Responsibility" (CSR), auf Deutsch "unternehmerische Sozialverantwortung", beschrieben. Dem Einzelhandel kommt aufgrund seiner Vermittlerposition zwischen Herstellern und Verbrauchern eine besondere Verantwortung zur Förderung einer nachhaltigen Entwicklung zu [Imug08]. Abbildung 2 bietet einen Überblick über die möglichen Handlungsfelder eines Handelsunternehmens im Bereich der unternehmerischen Sozialverantwortung.
2018oekologischeverantwortung.jpgAbbildung 1: Handlungsfelder von Handelsunternehmen im Bereich der unternehmerischen Sozialverantwortung, eigene Darstellung nach [ZeSc09] (Grafik zum Vergrößern bitte anklicken)
Im Folgenden wird gesondert auf transportrelevante Aspekte der unternehmerischen Verantwortung von Handelsunternehmen eingegangen und es werden mögliche Handlungsfelder aufgezeigt. Diese beziehen sich im Wesentlichen auf die Bereiche "Umwelt", "Beschaffung beziehungsweise Distribution" und "Arbeitnehmer".

Die Ziele im Bereich Umwelt bestehen im Wesentlichen in der Verringerung von negativen externen Effekten wie Schadstoffemissionen (unter anderem CO2, Feinstaub) oder Lärm. Da Handelsunternehmen primär externe Transport- und Logistikunternehmen für den Warentransport nutzen, besteht ein wesentlicher Ansatzpunkt der Umweltschonung in der Auswahl entsprechender Dienstleister. Bei den entsprechenden Transport- und Logistikunternehmen spielt wiederum die Auswahl des Verkehrsträgers eine entscheidende Rolle. Der Lkw-Verkehr gilt beispielsweise als ein infrastruktur-, energie- und schadstoffintensives Transportsystem, das zunehmend unter öffentlichen und politischen Druck gerät. Demgegenüber stehen umweltverträglichere Verkehrsträger wie die Schiene [Ebert02; Flä14].

Doch auch spezifische umweltschonende Dienstleistungen von Logistikunternehmen können hinzugezogen werden, um die Umweltstandards der Handelsunternehmen beziehungsweise gesetzliche Anforderungen zu erfüllen. In der Beschaffung kann dies zum Beispiel durch den Einsatz von Reedereien geschehen, die "Slow- Steaming" (englisch für "Langsamfahrt") in der Seeschifffahrt anbieten. Durch Slow-Steaming können Treibstoffe und Emissionen eingespart werden. Folglich müssen Handelsunternehmen jedoch auch mit längeren Fahrt- und Transportzeiten kalkulieren, sodass entsprechend längere Vorlaufzeiten bei der Warenbeschaffung notwendig werden [DVZ13a].

Zudem können Handelsunternehmen durch die Koordinierung ihrer Warenströme die Anzahl an Transporten reduzieren. In der Distribution zählt hierzu die Beteiligung von Handelsunternehmen an City-Logistik-Projekten, durch die eine gemeinsame, gebündelte Belieferung der Standorte mehrerer Handelsunternehmen in Ballungsräumen realisiert werden soll. Dies setzt jedoch voraus, dass die Einzelinteressen der verschiedenen Handelsunternehmen in Einklang gebracht werden, was in der Praxis häufig misslingt [Wolp13]. Des Weiteren können Handelsunternehmen Ver- und Entsorgungsverkehre zu beziehungsweise von ihren Standorten aus koppeln [Meis03].

Handelsunternehmen verfügen zudem über Monitoring- und Dokumentationsmöglichkeiten um die Umweltbilanz von Transport- und Logistikunternehmen zu kontrollieren. Dies betrifft das große Thema der Nachhaltigkeitsberichterstattung und Bilanzierung in Transport- und Logistikunternehmen, das zunehmend an Bedeutung gewinnt [IÖW16].

Wie im Bereich Umwelt können Handelsunternehmen auch auf die Arbeitsbedingungen von Arbeitnehmern bei Transport- und Logistikunternehmen durch die gezielte Auswahl von Dienstleistern einwirken. Darüber hinaus haben Handelsunternehmen die Möglichkeit, die Arbeitsbedingungen von Kraftfahrern dort zu verbessern, wo sie in physischen Kontakt mit ihnen treten, insbesondere an Laderampen von Verkaufs- und Lagerstandorten. Hierbei gilt es, das Rampenmanagement aus Sicht von Kraftfahrern entsprechend zu thematisieren und problematisieren. So haben Kraftfahrer hier häufig nur eingeschränkten Zugang zu Warteräumen und sanitären Einrichtungen.
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Verkehrsplanung und Logistik, Prof. Dr.-Ing. H. Flämig
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Handelslogistik (Stand des Wissens: 27.04.2023)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?415841
Literatur
[Anze12] Markus Anzengruber Corporate Social Responsibility in Handelsunternehmen, veröffentlicht in Controlling im Handel, Gabler Verlag, Springer Fachmedien Wiesbaden, 2012
[DVZ13a] Claus Grimm Tchibo gewinnt Nachhaltigkeitspreis, veröffentlicht in DVZ, Ausgabe/Auflage Nr. 22, 2013/03/15
[Ebert02] Schaefer, Thomas Ökologistik : Güterverkehr im Spannungsfeld von Ökonomie und Ökologie, 2002
[Flä14] Heike Flämig Logistik und Nachhaltigkeit, veröffentlicht in Corporate Social Responsibility in der Logistikbranche, Erich Schmidt Verlag, 2014
[Imug08] Ingo Schoenheit, Markus Grünewald, Steffen Krischak, CSR im Handel. Die gesellschaftliche Verantwortung des Einzelhandels, Hannover, 2008/10/10
[IÖW16] Hoffmann, Esther, Dietsche, Christian, Westermann, Udo, et al. NACHHALTIGKEITS- BERICHTERSTATTUNG IN DEUTSCHLAND - Ergebnisse und Trends im Ranking der Nachhaltigkeitsberichte 2015, 2016/09
[Meis03] Thomas Meise Die Kopplung von Ver- und Entsorgungsverkehren im Handel - Neue logistische Alternativen, veröffentlicht in Gesamtverkehrsforum 2003. Tagung der VDI-Gesellschaft Fahrzeug- und Verkehrstechnik, Braunschweig, 9. und 10. Oktober 2003 , 2003
[VuMA23] RMS Radio Marketing Service GmbH & Co. KG (Hrsg.) VuMA Touchpoints 2023 - Basisinformationen
für fundierte Mediaentscheidungen, 2023/02/03
[Wolp13] Stefan Wolpert City-Logistik: Bestandsaufnahme relevanter Projekte des nachhaltigen Wirtschaftsverkehrs in Zentraleuropa, Fraunhofer Verlag, 2013, ISBN/ISSN 978-3-8396-0524-0
[ZeSc09] Joachim Zentes, Hanna Schramm-Klein Corporate Social Responsibility von Handelsunternehmen - Aktivitätsfelder, Triebkräfte und Erfolgswirkung , veröffentlicht in Distribution und Handel in Theorie und Praxis, Ausgabe/Auflage 1. Auflage, Gabler GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden, 2009
Glossar
Lkw Lastkraftwagen (Lkw) sind Kraftfahrzeuge, die laut Richtlinie 1997/27/EG überwiegend oder sogar ausschließlich für die Beförderung von Gütern und Waren bestimmt sind. Oftmals handelt es sich dabei um Fahrzeuge mit einer zulässigen Gesamtmasse zwischen 3,5 und 12 Tonnen. In Einzelfällen kann die zulässige Gesamtmasse diese Werte jedoch auch unter- beziehungsweise überschreiten, sofern das Kriterium der Güterbeförderung gegeben ist. Lastkraftwagen können auch einen Anhänger ziehen.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?415812

Gedruckt am Freitag, 14. Juni 2024 05:54:30