Problemfelder
Erstellt am: 06.09.2023 | Stand des Wissens: 06.09.2023
Synthesebericht gehört zu:
Für eine erfolgreiche Verkehrswende und die Verlagerung touristischer Verkehre hin zur Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel sollten alle relevanten Akteure auf jede Phase der Mobilitätskette achten, Schwachstellen analysieren und letztendlich alle Bereiche, von denen überwiegend negative Empfindungen ausgehen, entsprechend verbessern [Rue05].
Wesentlich für die Entscheidung von Reisenden für oder gegen die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel sind eigene Erfahrungen oder Erlebnisse anderer Personen. Diese betreffen häufig:
- Reise- und Tarifinformationen
- Ticketerwerb und Fahrpreis
- Reisezeit und Umsteigehäufigkeit
- Pünktlichkeit
- Gepäckmitnahme
- letzte Meile
- Mobilität am Zielort [nach KePi20]
Gewohnheitsmäßige Autofahrerinnen und Autofahrer informieren sich bei der Suche nach oder der Buchung von Freizeit- oder Reiseangeboten in der Regel nicht über Fahrangebote mit öffentlichen Verkehrsmitteln [KePi20]. Anbieter von Beherbergungs- und Freizeiteinrichtungen sollten deshalb auf ihren Internetseiten oder Printmedien augenfällig auf Anfahrtsmöglichkeiten ohne Pkw aufmerksam machen. Optimal sind Fahrplaninformationen und Tarifhinweise, mindestens sollten aber die genaue Adresse und umliegende Haltestellen aufgeführt werden.
Die Reisezeit und der Fahrpreis sind entscheidende Faktoren für die Verkehrsmittelwahl und werden subjektiv häufig schlechter eingeschätzt, als sie tatsächlich sind. Bei der Einschätzung der Reisezeit mit dem Pkw werden häufig der Weg zum Fahrzeug und das Verstauen des Gepäcks, die Pausen während der Fahrt sowie die Parkplatzsuche und der Weg zum Freizeitziel außer Acht gelassen. Bei der Abwägung der Reisekosten wird oftmals nur der erwartete Benzinverbrauch als Referenzgröße verwendet, während bei der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel der gesamte Reisepreis in die Betrachtung einfließt. Diese Fehleinschätzungen müssen durch entsprechende Kommunikation bereits in der Phase der Reisevorbereitung ausgeräumt werden, um Autofahrende dazu zu bringen, auch alternative Verkehrsmittel in Betracht zu ziehen [FGSV21], zumal mit Einführung des Deutschlandtickets in vielen Fällen auch keine Zeit mehr für den Erwerb der Fahrkarten eingeplant werden muss.
Fehlende Mindesterreichbarkeitsstandards und mangelhafte Anschlusssicherung für touristische Reisen über die gesamte Reisekette hinweg mindern für den Kunden die Attraktivität von Mobilitätsdienstleistungen [UBA19v]. Treten bei einer Reise mit öffentlichen Verkehrsmitteln Verspätungen auf und verhindern diese unter Umständen sogar geplante Umstiege in ein weiteres Verkehrsmittel, wird dies als Mangel empfunden und beeinflusst die Kundenzufriedenheit negativ. Demgegenüber werden Verzögerungen bei der Anreise mit dem Pkw, beispielsweise durch Staus oder Umleitungen, von den Reisenden eher toleriert [KePi20].
Die Ausstattung der Fahrzeuge sollte den Anforderungen des Freizeitverkehrs entsprechen und mit den für die Besonderheiten der Freizeitgestaltung erforderlichen Kapazitäten und Flächenaufteilungen aufwarten [ProFo16]. Probleme bei der Mitnahme von Kinderwagen, Rollstühlen, Fahrrädern, Sportgeräten oder Gepäckstücken einerseits und fehlende Barrierefreiheit für Menschen mit physischen oder psychischen Einschränkungen andererseits sollten den öffentlichen Verkehr (ÖV) nicht von vornherein als Verkehrsmittel ausscheiden lassen [FGSV21].
An Linienendpunkten erwarten die Fahrgäste, dass die Haltestelle so nah wie möglich am Ziel liegt. Die Wegeführung dahin muss gut ausgeschildert, stringent und sicher sein. ÖV-Reisende sollten hier keinesfalls schlechter gestellt werden als MIV-Anreisende [FGSV21].
Entscheiden sich Reisende erst einmal dazu, mit dem eigenen oder mit einem gemieteten Kraftfahrzeug anzureisen, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass sie am Zielort den ÖV benutzen [KePi]. Erschwerend kommt hinzu, dass sich Touristen in der Regel in der Urlaubsregion und mit dem ÖPNV-Angebot weniger gut auskennen als zu Hause. Ihnen fehlen sowohl die Orts-, Angebots-, Produkt- als auch die Tarifkenntnis. Haltestellen und Liniennetz sind nicht bekannt, Sprachbarrieren können hinzukommen. Da sie sich nur für begrenzte Zeit in der Region aufhalten, lohnt sich der zeitliche Aufwand für die Suche nach Informationen häufig nicht, wenn diese nicht schnell auffindbar, vollständig und selbsterklärend sind. Selbst gute Angebote werden aufgrund mangelhafter Informationsqualität so weniger genutzt [FGSV21].
Während im städtischen Raum in der Regel auch in Nebenverkehrszeiten ein ansprechendes Fahrtenangebot zum Erreichen von Freizeitzielen vorhanden ist, gibt es für touristische Ziele im ländlichen Raum vor allem am Wochenende, in den Schulferien oder in der Nebensaison kaum Anfahrtsmöglichkeiten mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Häufig ist das ÖPNV-Angebot lediglich am Schüler- und Berufsverkehr ausgerichtet. Mindert man diese Nachfrageschwankungen durch die Ausweitung des Fahrtenangebotes zu touristischen Zielen, wird gleichzeitig eine Angebotsverbesserung für die einheimische Bevölkerung erzielt.
Die Verkehrsmittelwahl wird darüber hinaus noch durch symbolische Faktoren beeinflusst, bei denen dem Pkw oftmals Vorteile zugeschrieben werden [VDVAk21]:
- individuelle Freiheit, Orte oder Aktivitäten erreichen zu können
- positives Erlebnis der Fahrt als Freizeiterlebnis
- gesellschaftliche Anerkennung aus der Art der Fortbewegung
- selbstbestimmte Privatsphäre und Vermeidung unerwünschter sozialer Kontakte
In diesen Dimensionen kann der ÖPNV durch die Platzierung von On-Demand-Verkehrsangeboten, Fahrplanauskünften in Echtzeit, bessere Informationsqualität und individuellere Gestaltung von Sitzlandschaften im Fahrzeug für ein besseres Fahrterlebnis und mehr Privatsphäre zusätzliche Fahrgäste gewinnen [VDVAk21].
Auch sollte nicht vergessen werden, dass öffentliche Verkehrsmittel im Gegensatz zu eigenen Fahrzeugen Touren gestatten, bei denen Ausgangs- und Endpunkt verschieden sind.