Fahrzeugtechnik
Erstellt am: 16.09.2022 | Stand des Wissens: 27.02.2025
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Die Fahrzeugtechnik stellt in der modernen Verkehrssicherheitsarbeit einen zentralen Faktor dar und besitzt ein bedeutendes Potenzial zur Verringerung von Unfallrisiken. Fahrerassistenzsysteme (FAS) haben in den letzten Jahren zunehmend den Fahrzeugmarkt durchdrungen und bieten einen zusätzlichen Sicherheitsgewinn für den Straßenverkehr. Zu diesen Systemen zählen unter anderem Notbremsassistenten, Abstandsregeltempomaten, Geschwindigkeitsbegrenzer und Abbiegeassistenten. Das im Verkehrssicherheitsprogramm 2021 bis 2030 definierte Ziel des Bundes sieht vor, dass in Kraftfahrzeugen, insbesondere in Bussen, Pkw, Lkw und Motorrädern, vermehrt FAS installiert werden [BMVI21af, S. 8]. Seit dem 6. Juli 2024 muss in der Europäischen Union (EU) die am 5. Januar 2020 in Kraft getretene Verordnung zur Fahrzeugtechnik umgesetzt werden, die die Sicherheitsstandards für neue Fahrzeuge erheblich erhöht. Diese Vorschrift ist Teil der Allgemeinen Sicherheitsverordnung (General Safety Regulation, GSR) und verpflichtet HerstellerInnen dazu, eine Reihe fortschrittlicher Assistenzsysteme in neu zugelassene Fahrzeuge zu integrieren. Ziel ist es , dass ab dem 7. Juli 2026 auch alle Erstzulassungen mit den entsprechenden System ausgestattet sein müssen. [BMDV24ad, EU 2019/2144 ]
Durch die Integration fortschrittlicher FAS lässt sich die Verkehrssicherheit erheblich steigern. Die zunehmende Automatisierung und die Möglichkeit zur Datenkommunikation zwischen Fahrzeugen und ihrer Umgebung bieten entscheidende Potenziale für die Verbesserung der Verkehrssicherheit. Die Einführung solcher Technologien steht im Zusammenhang mit der stetigen Reduktion tödlicher Verkehrsunfälle in Deutschland seit den 1970er Jahren, die unter anderem auch auf die Einführung von Assistenzsystemen zurückgeführt wird.
![Abb. 1: Verkehrsunfälle mit Todesfolge im Vergleich zur Einführung von Assistenzsystemen [Eintrag-Id:587110] 07.4_Sb_Einfuehrung_Assistenzsysteme.png](/servlet/is/557248/07.4_Sb_Einfuehrung_Assistenzsysteme.png)
FAS greifen in Situationen ein, in denen Verkehrsteilnehmende möglicherweise aufgrund von Ablenkung, Müdigkeit oder Fehleinschätzung nicht adäquat reagieren können. Neben aktiven Sicherheitssystemen, die präventiv wirken, bleibt die kontinuierliche Verbesserung passiver Sicherheitsmaßnahmen wie energieabsorbierende Karosserien, fortschrittliche Airbags und Sicherheitsgurte ebenfalls entscheidend, um die Schwere der Verletzungen bei Unfällen zu reduzieren.
Ein wesentlicher Fortschritt in der Fahrzeugtechnik ist die weiterentwickelte Automatisierung, die in der Vision des autonomen Fahrens gipfelt. Vollautomatisierte Fahrzeuge nutzen verschiedene Sensoren, darunter Kameras und Radarsensoren, sowie digitale Karten und Echtzeitdaten, um ihre Umgebung eigenständig wahrzunehmen. Diese Fahrzeuge verarbeiten die Informationen unabhängig und eliminieren damit menschliche Fehler sowie beeinträchtigende Faktoren. Autonome Systeme bewegen sich daher potenziell sicherer auf den Straßen, was eine weitere Senkung der Unfallzahlen erwarten lässt. Dennoch gilt es, die Risiken dieser Technologie zu berücksichtigen, da bereits kleine Programmierfehler schwerwiegende Folgen haben können. Zudem sind hohe Standards für die Datensicherheit unerlässlich, um diese Fahrzeuge vor potenziellen Cyberangriffen zu schützen [JoKa19].
Eine weitere Herausforderung besteht darin, dass Menschen sich möglicherweise zu stark auf die Technologie verlassen, was unbeabsichtigte Sicherheitsrisiken schaffen könnte. Daher sind begleitende Aufklärungs- und Bildungsmaßnahmen notwendig, um das Bewusstsein für die Funktionen und Grenzen der Technologien zu schärfen. Systeme wie Müdigkeitswarner erinnern Fahrende daran, dass die Verantwortung, trotz technischer Unterstützung, beim Menschen bleibt. Untersuchungen zeigen, dass eine Kombination von Assistenzsystemen mit Informationskampagnen zur Anpassung des Verhaltens beiträgt, indem die Fähigkeiten und Grenzen dieser Technologien vermittelt werden [BMVI21af, S. 9].
FAS sind darauf ausgelegt, die Fahrzeugführenden zu unterstützen und ihre Aufgaben im Sinne der Sicherheit zu ergänzen [ADAC24f]. Diese Systeme informieren und warnen die Fahrenden, sobald absehbare menschliche Fehler auftreten oder auftreten könnten. In solchen Situationen können FAS gezielt in das Fahrgeschehen eingreifen und so potenzielle Unfälle vermeiden oder die Schwere der Folgen reduzieren, die auf menschliches Fehlverhalten zurückzuführen sind. Der Bund plant, folgende Maßnahmen umzusetzen, um den Einbau und die Nutzung von FAS weiter zu fördern [BMVI21af, S. 37]:
- Unterstützung von Forschung und Erprobung der Systeme,
- Weiterentwicklung der technischen Vorschriften für FAS,
- Förderung der Ausstattung von Fahrzeugen mit Assistenzsystemen.
Durch diese Maßnahmen sollen Anreize geschaffen werden, damit externe Akteure, wie etwa Versicherungsunternehmen, eigene Anreizinstrumente zum Einbau von FAS entwickeln. Viele Versicherungen bieten mittlerweile Rabatte für die Installation bestimmter Assistenzsysteme in Fahrzeugen. Die Versicherungsprämie kann dadurch gesenkt werden. Ein sicheres und vorausschauendes Fahrverhalten kann jedoch auch ohne komplexe FAS durch Versicherungsanreize gefördert werden. So bieten einige Versicherungen die Möglichkeit zur Installation eines Telematik-Sensors, der Fahrdaten wie Geschwindigkeit, Beschleunigung, Brems- und Lenkverhalten aufzeichnet. Auf dieser Grundlage wird ein Prozentwert ermittelt, um den sich die Versicherungsprämie je nach Fahrweise senken lässt [HAG24]
Darüber hinaus wird die Integration von FAS zunehmend auch in die Ausbildung von Fahranfängerinnen und -anfängern einbezogen, um auf die wachsende Verbreitung der Systeme zu reagieren [BMVI21af, S. 10]. Fahrprüfer sollen künftig entscheiden, ob und wann Assistenzsysteme in der Prüfung eingesetzt werden. Gleichzeitig müssen Prüfungen sicherstellen, dass Fahraufgaben ohne Systemunterstützung gemeistert werden [TÜV20].
Um das Potenzial der Fahrzeugtechnik bestmöglich auszuschöpfen, bedarf es der Kombination innovativer technischer Lösungen mit Maßnahmen zur Förderung eines regelkonformen Verhaltens der Verkehrsteilnehmenden. Während Technologien wie Fahrerassistenzsysteme und autonome Funktionen menschliche Fehler teilweise kompensieren, bleibt die gezielte Schulung und Sensibilisierung der Fahrenden unerlässlich.