Forschungsinformationssystem des BMVI

zurück Zur Startseite FIS

Internationalisierung im Handel

Erstellt am: 21.08.2013 | Stand des Wissens: 27.04.2023
Synthesebericht gehört zu:
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Verkehrsplanung und Logistik, Prof. Dr.-Ing. H. Flämig

Eine Vielzahl von Handelsunternehmen agiert international. Dabei lassen sich die beschaffungsseitige und die absatzseitige Internationalisierung als grundsätzliche Kernstrategien der Internationalisierung unterscheiden.
Die beschaffungsseitige Internationalisierung ist gekennzeichnet durch eine geografische Ausweitung der Beschaffungsfunktion auf ausländische Märkte und den verstärkten Import von Waren [Gabl13; ThBo12]. Entweder werden die Importwaren direkt von einem ausländischen Lieferanten bezogen oder indirekt über einen inländischen Importhändler, der Waren aus dem Ausland vertreibt [ThBo12]. Die Beweggründe für die Internationalisierung der Beschaffung können sehr unterschiedlich sein. Ein wesentliches Motiv stellen zu erzielende Kosteneinsparungen dar [ThBo12], zum Beispiel durch ein deutlich niedrigeres Lohnniveau in den Beschaffungsmärkten. Abhängig vom Beschaffungsland betragen diese Kostenvorteile zwischen 15 und 35 Prozent [Lows01]. Ein weiteres Motiv ist die Verbesserung der tatsächlichen sowie der wahrgenommenen Qualität des Produktsortiments. Gerade bei geringer Kenntnis der Produktqualität wird bei Verbrauchern eine Orientierung am Ursprungsland eines Produktes beobachtet, um dessen Qualität einschätzen zu können (Country of Origin Effekt) [ThBo12]. Einen weiteren Beweggrund stellt die Differenzierung des Sortiments dar. Handelsunternehmen können durch die Beschaffung ausländischer Produkte ihr Warenangebot erweitern und damit attraktiver gestalten. Unterschiedliche Entwicklungen fördern zusätzlich die Internationalisierung der Beschaffung im Handel [ThBo12]. Hierzu zählen unter anderem die Verbreitung moderner Kommunikationstechnologien, steigendes Produktions-Know-how der Lieferanten in Niedriglohnländern, die anhaltende Liberalisierung und Deregulierung des Welthandels, grenzüberschreitende Standardisierungen zum Beispiel von akzeptierten Produkt- und Warengruppenbeschreibungen, die weltweit eine eindeutige Artikelidentifizierung ermöglichen, internationale Qualitätssicherungssysteme, die anhaltende Konsolidierung des europäischen Einzelhandels sowie niedrige Transportkosten in Relation zu den Gesamtkosten.
Die absatzseitige Internationalisierung bezeichnet die von Handelsunternehmen betriebene internationale Expansion in neue Absatzmärkte [Swob12]. Sie wird im Wesentlichen durch das Ziel des Umsatzwachstums bestimmt [Swob12]. Es sollen neue Märkte erschlossen und dadurch den begrenzten Wachstumsmöglichkeiten in gesättigten Heimatmärkten entgegengewirkt werden. Die absatzseitige Internationalisierung wird durch eine marktübergreifend zu beobachtende Angleichung von Verbraucherbedürfnissen begünstigt, die eine Übertragung heimischer Warenangebote und Geschäftsmodelle auf ausländische Märkte ermöglicht [Swob12]. Aktuell wird die Internationalisierung insbesondere im Online-Handel thematisiert. Zu diesem Ergebnis kommt die Visa Global Merchant E-Commerce-Studie. So verkauften im Jahr 2020 60 Prozent der befragten Online-Händler in Deutschland ihre Waren ins Ausland. Global sind es bereits 66 Prozent. 87 Prozent der international befragten Unternehmen gehen außerdem davon aus, dass ein grenzüberschreitender Online-Handel entscheidend für ihren Erfolg sein werde. Als Hürden werden hierbei die Transaktionsabwicklung, die Kundenanalyse und der Bekanntheitsgrad gesehen [DLR20c].
Beide Kernstrategien der Internationalisierung haben eine Logistik- und Transportrelevanz. Sie führen aufgrund der zunehmenden räumlichen Trennung von Beschaffungs- und Absatzmärkten zu einer Zunahme
internationaler Warenströme und damit zur Erhöhung der Transportentfernungen im Einzelhandel. Somit kommt der Logistik eine steigende Bedeutung zu. Logistikkosten beeinflussen verstärkt die Wettbewerbsposition eines Handelsunternehmens [Mors12]. In diesem Zusammenhang rückt die effizientere Gestaltung der logistischen Prozesse in den Fokus. Einige Unternehmen versuchen gezielt ihre internationalen Beschaffungsströme zu konsolidieren und über konkrete Bestimmungshäfen zu leiten, um einen effizienten Nachlauf mittels massenleistungsfähiger Verkehrsmittel wie der Bahn oder dem Binnenschiff zu ermöglichen. Ein Beispiel hierfür ist das deutsche Handelsunternehmen Tchibo.
Für Logistikdienstleister ergibt sich aufgrund der Internationalisierung die Notwendigkeit zur Spezialisierung. So ist es laut der Studie "Trends und Strategien in Logistik und Supply Chain Management - Chancen der digitalen Transformation" der Bundesvereinigung Logistik aus dem Jahr 2017 wahrscheinlich, dass bisherige Aufgaben von Logistikdienstleistern mehr und mehr von großen internationalen Logistikunternehmen übernommen werden. Demnach müssten sich kleinere Speditions- und Frachtunternehmen auf Nischen im Markt fokussieren [BVL17].

Als Folgen der Internationalisierung gelten unter anderem eine Zunahme der Komplexität sowie des Risikos der Märkte. Für Unternehmen werden mehr Standorte mit einer entsprechenden Anzahl an Zulieferern, länderspezifische Produkt- und Verpackungsvarianten, andere Vertriebskanäle sowie insgesamt mehr Teilenummern notwendig. Durch globale Ereignisse wie Naturkatastrophen, Kriege oder Pandemien entstehen neue Herausforderungen für die Logistik, die zudem von den allgemeinen Unzuverlässigkeiten globaler Logistikstrukturen begleitet werden [Hand13].
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Verkehrsplanung und Logistik, Prof. Dr.-Ing. H. Flämig
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Handelslogistik (Stand des Wissens: 27.04.2023)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?415841
Literatur
[BVL17] Kersten, Wolfgang , Seiter, Mischa , von See, Birgit , Hackius, Niels , Maurer, Timo Trends und Strategien in Logistik und Supply Chain Managment, 2017
[DLR20c] Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt e. V. (DLR) DLR-Befragung: Wie verändert Corona unsere Mobilität?, 2020/05/05
[Gabl13] Gabler Wirtschaftslexikon Internationalisierung des Handels, 2013
[Hand13] Robert Handfield Schlüsselfaktoren der globalen Logistik, veröffentlicht in 4flow - Newsletter, Ausgabe/Auflage Dezember 2013, 2013
[Lows01] Robert Lowson Analysing the Effectiveness of European Retail Sourcing Strategies, veröffentlicht in European Management Journal, Ausgabe/Auflage Volume 19, Issue 5, 2001/10
[Mors12] Dirk Morschett, Joachim Zentes, Matthias Schu, Ruth Steinhauer HandelsMonitor 2012/2013. Mega-Trends 2020+. Wie sich der europäische Einzelhandel verändern wird , veröffentlicht in HandelsMonitor, Deutscher Fachverlag GmbH, Frankfurt am Main, 2012
[Swob12] Bernhard Swoboda Internationale Expansion von Handelsunternehmen, veröffentlicht in Handbuch Handel: Strategien - Perspektiven - Internationaler Wettbewerb, Ausgabe/Auflage 2., vollständig überarbeitete Auflage, Springer Gabler, Wiesbaden, 2012
[ThBo12] Eva Thelen, Günther Botschen Internationale Beschaffung, veröffentlicht in Handbuch Handel: Strategien - Perspektiven - Internationaler Wettbewerb, Ausgabe/Auflage 2., vollständig überarbeitete Auflage, Springer Gabler, Wiesbaden, 2012
Glossar
Vor- und Nachlauf Unter Vor- und Nachlauf sind im Kombinierten Verkehr Transporte der Ladeeinheit vom Versender zum Umschlagpunkt oder von dort zum Empfänger zu verstehen. Am Umschlagpunkt wechselt die Ladeeinheit das Verkehrsmittel. Der Transport zwischen zwei Umschlagpunkten wird als Hauptlauf bezeichnet.
Supply Chain Management Supply Chain Management lässt sich vereinfacht als Abfolge oder Kette von Aktivitäten beschreiben, um Kunden und/oder Märkte erfolgreich zu bedienen - also effizienter und effektiver zu arbeiten. Zu diesem Zweck werden die Ketten in einem - und zwischen Unternehmen ganzheitlich betrachtet. Durch diesen Überblick sollen sich die "Supply Chains" aktiv, durchschaubar und über verschiedene Unternehmensbereiche hinweg, gestalten lassen. Als Supply Chains zählen einerseits die Verflechtung des Materialflusses innerhalb eines Unternehmens (z.B.: Produktion, Lagerung, Transport) sowie zwischen Unternehmen (z.B.: Milchbauer, Großhändler, Joghurthersteller, Einzelhandel, Kunde). Weitere Supply Chains im Sinne des SCM sind Informationsflüsse und Geldströme.
Logistikdienstleister Logistikdienstleister (abgekürzt: LDL; Englisch: logistics service provider) bezeichnet die Weiterentwicklung des traditionellen Speditionsgeschäfts. Über Transport, Umschlag und Lagerung (TUL) hinaus bietet der LDL weitere Leistungen und Lösungen an, zum Beispiel kundenbezogene Lagerung, Kommissionierung, Assemblierung, Fakturierung usw. LDL und 3PL werden häufig synonym verwendet.
Supply Chain Als Supply Chain (Liefer- oder Wertschöpfungskette) bezeichnet man ein organisationsübergreifendes Netzwerk, welches als Gesamtsystem Güter für einen bestimmten Markt hervorbringt. Die heutigen Supply Chains sind aufgrund der Vielzahl von beteiligten Zulieferern, Dienstleistern und Kunden - die wiederum an anderen Supply Chains beteiligt sein können - sehr komplexe, interdependente Gebilde. Treffender müsste daher eine Supply Chain, aufgrund der häufig vorkommenden netzwerkartigen Struktur der zusammenarbeitenden Unternehmen, als "Supply Network" bezeichnet werden.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?415788

Gedruckt am Dienstag, 28. Mai 2024 18:53:54