Mangelhaftes Fahrverhalten durch Unachtsamkeit, Unkenntnis oder Überforderung durch hohe Komplexität
Erstellt am: 13.09.2022 | Stand des Wissens: 27.02.2025
Synthesebericht gehört zu:
Fehlverhalten im Straßenverkehr ist häufig auf menschliche Unzulänglichkeiten wie Unachtsamkeit, Unkenntnis oder Überforderung zurückzuführen. Diese Faktoren beeinflussen nicht nur die individuelle Fahrleistung, sondern tragen auch wesentlich zum Unfallgeschehen bei.
Bei Unfällen mit Personenschaden ist menschliches Fehlverhalten die mit Abstand häufigste Unfallursache (92 Prozent), rund 7 Prozent sind auf allgemeine Unfallursachen (Straßenverhältnisse, Witterungseinflüsse, Hindernisse usw.) und nur 1 Prozent auf technische Mängel bzw. Wartungsdefizite am Fahrzeug zurückzuführen [BMDV24ac]. Aus diesem Grund ist es wichtig, den Fahrer stärker in den Mittelpunkt der Verkehrsunfallforschung zu rücken.
Bei Unfällen mit Personenschaden ist menschliches Fehlverhalten die mit Abstand häufigste Unfallursache (92 Prozent), rund 7 Prozent sind auf allgemeine Unfallursachen (Straßenverhältnisse, Witterungseinflüsse, Hindernisse usw.) und nur 1 Prozent auf technische Mängel bzw. Wartungsdefizite am Fahrzeug zurückzuführen [BMDV24ac]. Aus diesem Grund ist es wichtig, den Fahrer stärker in den Mittelpunkt der Verkehrsunfallforschung zu rücken.
Abbildung 1 zeigt, wie durch ein komplexes Zusammenwirken von latenten Fehlern und einer Vielzahl von lokalen Auslöseereignissen eine Konstellation entstehen kann, in der ein Unfall möglich wird. Die Löcher in den einzelnen Ebenen symbolisieren die in den Kästchen beispielhaft genannten Risikofaktoren. Die ersten beiden Ebenen beschreiben die Wechselwirkung zwischen System und Umgebung. Die folgenden drei Ebenen stellen die Komplexität der Wechselwirkung Mensch dar (Eigenschaften des Fahrers, Verstöße des Fahrers und Fehler des Fahrers).
![Abb. 1: Die Bahn der Unfallgelegenheiten nach Reason, angepasst auf den Straßenverkehr [Eintrag-Id:586842] 02.2_Sb_Bahn_der_Unfallgelegenheit.png](/servlet/is/557117/02.2_Sb_Bahn_der_Unfallgelegenheit.png)
Um die Hintergründe von Fehlverhalten im Straßenverkehr zu verstehen, ist es daher wichtig, verschiedene psychologische Prozesse zu analysieren, die im Vorfeld von Unfallereignissen eine Rolle spielen. Einige zentrale Aspekte, die menschliche Entscheidungen beeinflussen können, sind [Berb19]:
- Aufmerksamkeit und Wahrnehmung: Die Fähigkeit, relevante Informationen aus der Verkehrssituation aufzunehmen und zu verarbeiten, ist entscheidend. Aufmerksamkeitsdefizite, sei es durch Ablenkung (zum Beispiel durch Handynutzung), durch kognitive Überlastung (zum Beispiel durch komplexen Verkehrssituationen) oder einen falschen Aufmerksamkeitsfokus, führen dazu, dass wichtige Informationen übersehen werden.
- Kognitive Belastung: Stress, Müdigkeit oder emotionale Belastung können die kognitive Leistungsfähigkeit beeinträchtigen. Die Fähigkeit, schnelle und präzise Entscheidungen zu treffen, nimmt unter solchen Bedingungen ab. Eine hohe kognitive Belastung kann dazu führen, dass Fahrer nicht alle notwendigen Informationen berücksichtigen oder falsche Schlüsse ziehen.
- Fehler bei der Informationsverarbeitung: Zu den häufigsten Fehlern gehören Diagnosefehler, bei denen Fahrer die Geschwindigkeit oder Distanz anderer Fahrzeuge falsch einschätzen. Auch Zielsetzungs- und Handlungsfehler können auftreten, wenn eine falsche Entscheidung getroffen wird, wie z. B. zu spät bremsen oder falsch ausweichen.
- Erfahrung und Unkenntnis: Unerfahrenen Fahrern fehlt oft das Wissen oder die Routine, um in kritischen Situationen angemessen zu reagieren. Auch mangelndes Verständnis der Verkehrsregeln oder des Verhaltens von Fahrerassistenzsystemen kann zu riskanten Entscheidungen führen.
- Emotionale Zustände: Emotionen wie Angst, Ärger oder Stress können das Fahrverhalten erheblich beeinflussen. Emotionale Erregung kann dazu führen, dass Fahrer impulsiv oder unüberlegt handeln.
- Situative Faktoren: Äußere Bedingungen wie Wetter, Tageszeit oder Straßenzustand spielen ebenfalls eine Rolle. Diese Faktoren können die Verkehrssituation komplexer machen und die Entscheidungsfindung erschweren.
- Soziale Einflüsse: Der Einfluss von Mitfahrern oder sozialen Normen kann das Fahrverhalten beeinflussen. Beispielsweise kann der Wunsch, eine bestimmte Geschwindigkeit beizubehalten oder riskante Fahrmanöver durchzuführen, durch die Anwesenheit von Freunden oder durch Konkurrenzdenken verstärkt werden.
Menschen reagieren auf bestimmte Situationen aus verschiedenen Gründen unterschiedlich. Die daraus resultierenden menschlichen Fehler lassen sich, wie in der nachfolgenden Abbildung dargestellt, kategorisieren.
![Abb. 2: Klassifizierung menschlicher Fehler bei der Fahrzeugführung nach Rasmussen [Eintrag-Id:586844] 02.2_Sb_Klassifizierung_menschlicher_Fehler.png](/servlet/is/557117/02.2_Sb_Klassifizierung_menschlicher_Fehler.png)
Der mit Abstand häufigste Fehler bei nahezu allen Unfalltypen ist der Informationsfehler, der sich während der Informationsaufnahme ereignet. Komplexe Verkehrssituationen wie an Kreuzungen und anderen Knotenpunkten erfordern die schnelle Verarbeitung einer Vielzahl von verkehrsrelevanten Informationen, die den Fahrzeugführer überfordern. Dabei spielen Aufmerksamkeitsdefizite in Verbindung mit Ablenkung (Telefonieren, Bedienung des Radios) oder ein falscher Aufmerksamkeitsfokus eine wichtige Rolle. Weitere zentrale Fehler sind Diagnosefehler, Zielsetzungs- und Handlungsfehler. Alle Fehler werden durch zusätzliche Einflussfaktoren wie Fahrumgebung und Fahrzeugeigenschaften moderiert (siehe Abbildung 1). Sie alle beeinflussen maßgeblich die Wahrscheinlichkeit, mit der die auftretenden Fehler des Fahrers zu einem Unfall führen oder nicht.
Das Ausmaß der Unfälle durch Unachtsamkeit, Unkenntnis oder Überforderung durch hohe Komplexität spiegelt sich auch in der statistischen Auswertung wider. Die Polizei erfasst die Ursachen eines Verkehrsunfalls in einem sogenannten Erhebungsbogen, das Statistische Bundesamt erhält und sammelt alle Daten aus den Bundesländern und erstellt die bundesweite Verkehrs- und Unfallstatistik. [BMDV24ac]. Im Jahr 2019 waren Abbiegen, Wenden, Rückwärtsfahren und Anfahren mit 19,1 Prozent sowie Vorfahrts- und Vorrangmissachtungen mit 17,4 Prozent die häufigsten Unfallursachen bei den Fahrern [StBa22c, S. 50].
Durch die Berücksichtigung unterschiedlicher Beteiligungskriterien wie Alter, Wochentag oder Verkehrsmittel können zielgruppenspezifische Handlungsziele formuliert werden. Junge Fahrerinnen und Fahrer sind eine Hochrisikogruppe im Straßenverkehr. Sie sind überproportional am Unfallgeschehen beteiligt. Gründe dafür sind mangelnde Fahrpraxis und ein häufig risikoaffines Verhalten. Letzteres gilt insbesondere für die männlichen Personen der Zielgruppe [Groene24].
Die Sensibilisierung des Menschen für die Gefahren im Straßenverkehr durch Öffentlichkeitskampagnen und Wissensvermittlung ist wichtig, aber in ihrer Wirkung begrenzt, da der Mensch fehleranfällig ist. Die Präventionsarbeit sollte sich daher nicht nur auf erzieherische Maßnahmen beschränken, sondern auch auf die sichere Gestaltung des Gesamtsystems (Mensch/Fahrzeug/Infrastruktur) konzentrieren. Dazu gehört die Entwicklung intelligenter, menschengerechter Fahrzeuge und selbsterklärender, fehlerverzeihender Straßen. [Berb19]