Best Practice Beispiele einer Neuverteilung des öffentlichen urbanen Raums
Erstellt am: 27.02.2025 | Stand des Wissens: 27.02.2025
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Mit Blick auf eine klima- und sozialgerechtere Zukunft haben weltweit viele Städte die Potenziale in einer planerischen Umverteilung von öffentlichem Raum erkannt und möchten mit innovativen Ideen und Lösungsansätzen ihre Räume transformieren. Die individuellen Ansätze unterscheiden sich von Stadt zu Stadt und weisen somit auch unterschiedliche Zielsetzungen und Wirkungen auf. Im Folgenden sollen einige dieser Maßnahmen exemplarisch vorgestellt werden.
- In Paris versprach die Bürgermeisterin Anne Hidalgo bei Ihrer Wiederwahl im Jahr 2020, Paris mittels verschiedener Umgestaltungsmaßnahmen in eine 15-Minuten-Stadt umzuwandeln. Oberstes Ziel des Konzeptes der 15-Minuten-Stadt ist es, allen Bürgerinnen und Bürgern der Stadt zu ermöglichen, die essenziellen Funktionen von öffentlichem urbanen Raum innerhalb eines 15-minütigen Fußweges erreichen zu können. Zu den essenziellen Funktionen zählen Wohnen, Arbeiten, Einkaufen, medizinische Versorgung, Bildung und Freizeitgestaltung [RaBe23]. Die daraus resultierende Zeitersparnis im Alltag sollen sich positiv auf die Lebensqualität der Anwohner auswirken. Im Zusammenhang mit der 15-Minuten-Stadt verfolgt Paris zudem das Ziel, den Motorisierten Individualverkehr (MIV) stark zu reduzieren und andere Formen der Mobilität zu fördern. Dazu wurde eine Regelgeschwindigkeit von 30 km/h in der ganzen Stadt eingeführt. Außerdem sollen die hundertvierzigtausend innerstädtischen Oberflächenparkplätze auf Sechzigtausend reduziert werden. In den frei gewordenen Räumen sollen Grün- und Erholungsflächen und verbesserte Infrastrukturen für aktive Mobilität entstehen.
Um das soziale Klima in den einzelnen Quartieren sowie langfristige Partizipationsprozesse der Anwohner zu stärken, setzt die Stadt Paris auf ihre Schulen. Schulhöfe sollen in den Quartieren zu Veranstaltungsorten für Gemeindeaktivitäten werden und besonders radikale Entsiegelung und Begrünung die Resilienz der Stadt gegen Hitzewellen erhöht werden [AlRa22]. Bereits fünfundsiebzig Schulen wurden entsprechend umgestaltet [ClimateADAPT]. - Die Stadt Barcelona leidet bereits seit geraumer Zeit an chronischer Überlastung durch den MIV. Lärm- und Emissionsbelastung liegen besonders in den Innenstadtbereichen deutlich über den Grenzwerten, und in den immer heißer werdenden Sommermonaten drohen Hitzewellen, welche durch den hohen Grad an Versiegelung und den Mangel an Grünflächen in der Stadt deutlich verstärkt werden [DiFu23]. Bereits im Jahr 2003 wurde daher im Stadtteil Gracia ein sogenannter Superblock eingeführt. Idee war es, drei mal drei Häuserblöcke (insgesamt neun) zu einem Superblock zusammenzufassen und innerhalb dieses Superblocks durch eine Kombination aus verkehrsberuhigenden und gestalterischen Maßnahmen die Straßenräume zwischen den Häusern zu Räumen mit höherer Aufenthaltsqualität umzugestalten. In diesen Räumen, in denen zuvor sowohl der rollende als auch der ruhende Verkehr dominierten, sollen mit Hilfe der Maßnahmen soziale Funktionen dominieren. So werden Parkplätze und Teile der Straße durch Sitzgelegenheiten, neues Stadtmobiliar, Minispielplätze, kleine Grünflächen ersetzt, die den Räumen neue, mehrheitlich auch konsumunabhängige Aufenthaltsqualitäten bieten. [VCÖ20] Im Jahr 2016 wurde dann beschlossen, dass das Konzept des Superblocks auf die gesamte Stadt ausgeweitet werden soll. Zielsetzung der Stadt war und ist die Reduktion des MIV und die Verbesserung der Lebensqualität in den Quartieren. Außerdem werden positive Auswirkungen auf das urbane Klima sowie den sozialen Zusammenhalt innerhalb der Stadt erwartet [HaWoCy21]. Der Stadtteil Eixample stand schnell im Fokus der Anstrengungen, da die negativen Auswirkungen des MIV hier besonders stark sind. Die schrittweise Implementierung der Superblocks in Barcelona findet seit 2016 statt. Da die Implementierung von Superblocks langfristig auf Änderungen im Mobilitätsverhalten abzielt, war mit dem Unmut der Autofahrenden, die nun zeitaufwändigere Umwege in Kauf nehmen müssen, insbesondere kurz nach Einführung der Verkehrsberuhigungen zu rechnen [OSul17]. Umso wichtiger Ist die Einbindung und Partizipation der lokalen Bevölkerung, Verbände und Organisationen - diese finde bei den Projekten stets statt [SVBa20]. Auf Grundlage der gesammelten Erfahrungen in dem Projekt wurde weitere Superblocks in mehrere Städten Spaniens verwirklicht und das Konzept fand und findet weiterhin internationale große Aufmerksamkeit [VCÖ20].
- Die Stadt München hat im Stadtzentrum Maßnahmen zur Umverteilung des Raumes durchgesetzt. Im Jahr 2013 wurde der nördliche Teil der Sendlinger Straße, eine Geschäftsstraße in der Münchener Altstadt/ Innensadt, verkehrsberuhigt und zu einer Fußgängerzone umgewandelt. Als Reaktion auf Bürgerinitiativen, die eine Neugestaltung der gesamten Sendlinger Straße forderten, wurde die gesamte Straße in eine Fußgängerzone umgewandelt [SVMün23a]. Nun ist es Ziel der Stadt München, den autofreien Bereich in der Innenstadt auszuweiten und für eine gänzlich autofreie Altstadt zu sorgen. Innerhalb dieser Neugestaltung soll die Innenstadt von einem "Altstadt Radlring" durchzogen werden, welcher aktive Mobilität fördern und somit zu nachhaltiger Mobilität beitragen kann [SVMün23]. Außerdem soll die Münchener Innenstadt durch weitere begleitende Maßnahmen "widerstandsfähiger gegen die Folgen des Klimawandels" [SVMün21] und insgesamt grüner werden. Es sollen neue Grünflächen, Grünverbindungen, Sitzgelegenheiten, Spielplätze und somit Aufenthaltsräume entstehen. Dafür werden unter anderem viele der kleineren Plätze oder Straßenecken (Mikroplätze) so ergänzt, dass sie Platz für konsumfreie Erholung bieten. Auch außerhalb der Innenstadt plant die Stadt München viele Projekte, um öffentliche Räume neu zu verteilen und die Stadt somit klima- und sozialgerechter aufzustellen. Gute Infrastruktur für aktive Mobilität auch außerhalb der Innenstadt, grüne Verbindungsachsen durch die Stadt sowie eine Stärkung der einzelnen Quartiere durch Aufwertung der Aufenthaltsräume sind einzelne Maßnahmen, die die Stadt München plant. [SVMün25]
- Auch in Berlin schaffen die Dominanz des MIV, die flächenhafte Versiegelung und der Mangel an Erholungsräumen viele Probleme. Um für eine nachhaltige Stadtentwicklung zu sorgen, wurde im Jahr 1996 das landeseigene Unternehmen "Grün Berlin GmbH" gegründet [GrBer25]. Das Unternehmen erhielt die Kompetenzen zur konkreten Umsetzung von politischen Entscheidungen und Rahmenbedingungen. Da sich das Land Berlin im Radverkehrsplan (RVP) [SenMVKU21] zu einem massiven Ausbau von Radinfrastruktur bekannt hat, wurde bereits im Jahr 2017 die "InfraVelo GmbH" als Tochtergesellschaft der Grün Berlin GmbH gegründet. Die InfraVelo GmbH ist beauftragt, Projekte im Themenfeld der Radinfrastruktur und des Radverkehrs zu organisieren, zu koordinieren, zu steuern, abzustimmen und zu prüfen [GrBer25]. Seit 2017 hat das Unternehmen mehr als zweihundert verschiedene Radverkehrsmaßnahmen begleitet. Diese lassen sich auf einer interaktiven Karte einsehen [InfraVelo25]. Die Maßnahmen, die umgesetzt werden, unterscheiden sich voneinander. Während an manchen Hauptstraßen nur provisorisch ein Autoverkehrsstreifen gesperrt wird und für Fahrradfahrende freigegeben wird (zum Beispiel in der Petersburger Straße), erhalten viele Straßen neue geschützte Radfahrstreifen (zum Beispiel in der Bülowstraße). Die provisorischen Maßnahmen werden bei positivem Projektverlauf häufig in dauerhaft geschützte Radfahrstreifen umgewandelt. So findet langfristig auch eine Neuverteilung des Straßenraumes statt. Die vielen linearen Maßnahmen an einzelnen Straßen ergänzen sich zu flächenhaften Veränderungen des Straßenraumes. Neben den Maßnahmen entlang einzelner Straßen soll die Stadt ein Netzwerk von Radschnellverbindungen erhalten. Dieses Netzwerk soll sich durch vier Meter breite, vom MIV getrennte, hochwertige Fahrspuren auszeichnen und soll bis zum Jahr 2030 mindestens eine Länge von einhundert Kilometern haben. Im Jahr 2024 befanden sich die geplanten Abschnitte in der Vorplanungsphase. Machbarkeitsstudien wurden bereits durchgeführt.
In den vier genannten Städten werden verschiedene stadtplanerische Konzepte angewandt, um mehr Lebens- und Aufenthaltsqualität in den öffentlichen Räumen der Städte zu schaffen. Negative Auswirkungen des MIV und der Versiegelung auf die Lebensqualität sollen reduziert werden, indem die bisherigen Platzverhältnisse von verschiedenen Mobilitätsformen neu gedacht werden. Die Konzepte der Städte unterscheiden sich in ihren konkreten Maßnahmen, die von Parkplatzrückbau über Begrünung und Möblierung des Straßenraums bis hin zur Sperrung von Straßen für den MIV reichen. Ein Kernelement, das in allen Städten genutzt wird, ist der Ausbau und damit die Verbesserung der Radinfrastruktur, mit deren Hilfe ein Modal Shift vom MIV hin zur aktiven Mobilität erreicht werden soll.