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Weiterer Forschungsbedarf für eine nachhaltige Neuverteilung des urbanen öffentlichen Raums

Erstellt am: 27.02.2025 | Stand des Wissens: 27.02.2025

Synthesebericht gehört zu:

Für eine zukunftsorientierte Mobilitätsforschung im Allgemeinen und eine Neuverteilung des öffentlichen Raums im Sinne der klima- und raumpolitischen Entwicklungsziele sind die Entwicklung, Erprobung und Evaluierung neuer Ansätze und Gestaltungsformen (infrastrukturell, technologisch, wirtschaftlich, sozial) von zentraler Bedeutung. Die Forschung kann erforderliche Grundlagen für Entscheidungen in Politik, Wirtschaft und Planung schaffen.
Es bedarf auf Ebene der Europäischen Union (EU) in Bezug auf Effizienz und Nachhaltigkeit größerer Handlungsrahmen zur Nutzung des öffentlichen Raums, aber auch Richtlinien zur Digitalisierung und dem Einsatz technologischer Mobilitätslösungen. Auch die Rahmenbedingungen für Unternehmen, die neue Geschäftsmodelle und innovative Ansätze zur Förderung der Nachhaltigkeit und Flächengerechtigkeit erproben möchten, müssen so gestaltet werden, dass diese im Realbetrieb getestet werden können. Mithilfe von Analysen und Modellen kann die Forschung helfen, die Auswirkungen unterschiedlicher Rahmenbedingungen abzuschätzen und zu evaluieren. [FhAVer21, S. 7]
Auf Bundesebene sind bestehende Rechtsgrundlagen und Regelwerke daraufhin zu überprüfen, ob sie eine zukunftsorientierte Mobilitätsplanung und eine nachhaltige und gerechte Neuverteilung des Raumes ermöglichen. Zur Unterstützung der Kommunen bei einer Neuverteilung des öffentlichen Raumes in Städten wird es notwendig sein, eine bundespolitische Rechtsgrundlage zu schaffen, die Grundsatzentscheidungen für bestimmte Straßentypen enthält. Diese müssten dann nur geringfügig an den Einzelfall angepasst werden und könnten somit Planungsprozesse vereinfachen und beschleunigen. Hierzu ist zum Beispiel eine Novellierung der Straßenverkehrsordnung (StVO) notwendig, die derzeit noch den motorisierten Individualverkehr (MIV) vorrangig behandelt. Im Rahmen der Forschung können potenzielle Bereiche, für die solche Grundsatzentscheidungen relevant wären, identifiziert und die Auswirkungen dieser Entscheidungen für verschiedene Städte und Regionen modelliert und die Umsetzung evaluiert werden.
In Bezug auf die Finanzierung der Neuverteilung des Raumes sind zukünftig verstärkt Förderinstrumente des Bundes und der Länder zu entwickeln, die integrierte Planungen unterstützen. Durch Erhebungen der Bedarfe der Kommunen, insbesondere in strukturschwächeren Regionen, ermöglicht die Forschung einen bedarfsgerechten Zuschnitt der Instrumente.
Eine Neuverteilung des öffentlichen Raums erfordert den Einsatz von Maßnahmen, die viele Akteure und Akteurinnen aus der Zivilgesellschaft, der Wirtschaft oder der Logistik betreffen, die unterschiedlichen Anforderungen an den öffentlichen Raum und das Verkehrssystem haben. Um die unterschiedlichen Bedarfe zu erfassen und Ziele sowie auch Funktionsweisen von innovativen (technologischen) Konzepten (zum Beispiel von automatisierten Fahrzeugen) verständlich zu erklären, bedarf es insbesondere einer zielgruppenspezifischen und vertrauenswürdige Kommunikation. Hierfür bieten sich beispielsweise digitale Formate mit plastischen Darstellungen oder Gaming-Elementen an. Mit einer Kooperation aus Informatik, Stadt- und Sozialforschung kann die Wissenschaft helfen, effiziente Dialog- und Kommunikationsverfahren zu konzipieren, zu entwickeln und zu erproben. [FhAVer21, S. 6]
Die Neuverteilung des Raums und die damit verbundene Mobilitätswende ist eine bundesweite Aufgabe, die alle Kommunen einschließt. Auch wenn sich die Städte, Gemeinden und Regionen in ihren Voraussetzungen (beispielsweise den räumlichen Gegebenheiten, Schrumpfen oder Wachstum) unterscheiden, können sie dennoch voneinander lernen und über Verwaltungsgrenzen hinweg zusammenarbeiten. Die Wissenschaft hat die Aufgabe (Einzel-)Maßnahmen, Projekte, Reallabore und -experimente unter Einbezug der räumlichen Kontexte zu evaluieren. Effekte auf das Straßennetz, aber auch auf das Mobilitätsverhalten und die Nutzung neuer Strukturen, sowie Herausforderungen bei der Planung und Umsetzung können so identifiziert und eine Übertragbarkeit auf andere Räume und/oder Skalierung auf höhere Maßstabebenen erforscht werden. Die wissenschaftliche Einordnung und Bewertung der Wirksamkeit potenzieller Maßnahmen kann die Kommunen bei der Verankerung interdisziplinärer Mobilitäts- und Aktionspläne und bei einer interkommunalen und regionalen Zusammenarbeit unterstützen [FhAVer21, S. 6].
Ansprechperson
Institut für Mobilitäts- und Stadtplanung, Universität Duisburg-Essen, Prof. Dr.-Ing. Dirk Wittowsky
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Neuverteilung des öffentlichen urbanen Raums (Stand des Wissens: 27.02.2025)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?590903
Literatur
[FhAVer21] Doll, Claus, Inninger , Wolfgang , Veres-Homm, Uwe , Fanderl, Nora , Otto, Thomas , Biedermann, Nicole , Demtschenko, Regina, Bein, Thilo , Stegmüller, Sebastian , Nagel, Ingrid Strategiepapier zur Entwicklung der Forschungsagenda People Mobility der FhG - Ausblick 2030., 2021
Weiterführende Literatur
[WiBMDV21] Wissenschaftlicher Beirat beim Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur Perspektiven für den Stadtverkehr der Zukunft. Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur, 2021/05/25
Glossar
Reallabor
Reallabore sind Experimentierräume in der Wirklichkeit, wie etwa Stadtquartiere, in denen Ideen zur nachhaltigen Stadt- oder Mobilitätsentwicklung konzipiert und in Form von Realexperimenten umgesetzt und ausprobiert werden. Die Maßnahmen werden wissenschaftlich begleitet, ausgewertet und evaluiert, um übertragbare Ergebnisse zu generieren. Im Fokus steht dabei die Einbindung der Zivilgesellschaft, die letztendlich am meisten von den umgesetzten Maßnahmen profitieren soll.
Die begriffe 'Reallabor' und 'Realexperiment' sind nicht synonym zu verwenden. Während das Reallabor den gesamten Prozess sowie sämtliche Untersuchungsräume und Akteure umfasst, handelt es sich bei den Realexperimenten um die konkret im Reallabor umgesetzten Maßnahmen.
Motorisierter Individualverkehr Als motorisierter Individualverkehr (MIV) wird die Nutzung von Pkw und Krafträdern im Personenverkehr bezeichnet. Der MIV, als eine Art des Individualverkehrs (IV), eignet sich besonders für größere Distanzen und alle Arten von Quelle-Ziel-Beziehungen, da dieser zeitlich als auch räumlich eine hohe Verfügbarkeit aufweist. Verkehrsmittel des MIV werden von einer einzelnen Person oder einem beschränkten Personenkreis eingesetzt. Der Nutzer ist bezüglich der Bestimmung von Fahrweg, Ziel und Zeit frei (örtliche, zeitliche Ungebundenheit des MIV).
StVO Die Straßenverkehrsordnung  legt Regeln für sämtliche Straßenverkehrsteilnehmer fest und bildet somit eine Rechtsverordnung der Bundesrepublik Deutschland.
Mobilitätswende
Mit der Mobilitätswende soll der Endenergieverbrauch des Verkehrssektors gesenkt werden, ohne dass die Mobilität der Menschen eingeschränkt wird. Diesem Ziel folgend, versucht man mit der Mobilitätswende Verkehr zu vermeiden (zum Beispiel durch stadtplanerische Maßnahmen), auf emissionsfreie und emissionsarme Fortbewegungsmittel zu verlagern (zum Beispiel auf den öffentlichen Verkehr) und effizienter abzuwickeln (zum Beispiel durch verkehrssteuernde Maßnahmen).

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?590789

Gedruckt am Freitag, 4. April 2025 06:36:24