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Ansätze und Strategien für eine Neuverteilung des öffentlichen urbanen Raums aus der Stadt- und Verkehrsplanung

Erstellt am: 27.02.2025 | Stand des Wissens: 27.02.2025

Synthesebericht gehört zu:

Eine integrierte Stadt- und Verkehrsplanung, die sowohl die kleinräumige Ebene (den Sozialraum der Bewohnenden), gesamtstädtische als auch regionale Zusammenhänge, zum Beispiel Pendlerverflechtungen, in ihre Planung mit einbezieht, kann die Lebensbedingungen und Mobilitätsbedarfe sowie das Mobilitätsverhalten im räumlichen Kontext verstehen. Mithilfe gezielter Maßnahmen  kann eine Änderung des Mobilitätsverhaltens begünstigt werden. Durch eine Annäherung an die Gleichberechtigung des Umweltverbundes mit dem motorisierten Individualverkehr (MIV) und einem Ausbau von Angebotsvielfalt und -qualität und einer Effizienzsteigerung durch technologische Lösungen kann zudem multi- und intermodales Mobilitätsverhalten ermöglicht und unterstützt werden. Dadurch lässt sich die Abhängigkeit von einem Verkehrsmittel aufbrechen und die Flexibilität bei der Verkehrsmittelwahl erhöhen.
Mithilfe städtebaulicher und verkehrsplanerischer Grundsätze und Strategien wird außerdem versucht, die Verkehrsleistung zu reduzieren und Verkehrszuwächse zu vermeiden, um eine Reduktion umwelt- und gesundheitsschädlicher Emissionen zu erreichen und die Lebensqualität in urbanen Räumen zu steigern. Zu diesen Grundsätzen zählen zum Beispiel [Köhl14, S. 18f., MeSc21]:
  • die Förderung polyzentrischer Stadtstrukturen statt eines einzelnen Stadtzentrums
  • eine Erhöhung der Bebauungsdichte in der Fläche
  • die Bevorzugung der (doppelten) Innenentwicklung vor der Außenentwicklung auf der "grünen Wiese"
  • eine Durchmischung der Funktionen (Versorgung, Arbeit, Wohnen, Freizeit und Erholung) statt monofunktionaler Quartiere
  • die Siedlungsentwicklung entlang von Achsen des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV), um die Auslastung sowohl des ÖPNV-Angebots als auch der Nahversorgungsangeboten zu optimieren
  • eine flächendeckend gute Versorgung mit urbanen Grün- und Freiflächen zur Erholung und als Begegnungsort, zur Regulierung des Stadtklimas und zur Förderung der Biodiversität
Langfristig kann der Aufbau von dezentralen Stadtteilzentren mit lokalen Infrastrukturen (zum Beispiel Versorgung, Arbeitsplätze, Wohnraum und Freizeitorte) dazu beitragen, dass Wegedistanzen reduziert werden [Rand13]. Grün- und Freiflächen sine dabei essenziell für die Versorgung mit lokalen Naherholungsgebieten und der Schaffung von Retentionsflächen und Frischluftschneisen, die der Gesundheit der Bevölkerung und der Resilienz des Verkehrssystems sowie der Städte allgemein bei klimatischen Extremwettereignissen dienen können. Zudem können grüne Achsen, welche die Stadt und das Umland vernetzen und bei entsprechender Anlage attraktive, direkte, schnelle und sichere Verbindungen für Radverkehr schaffen, das städtische Pkw-Aufkommen reduzieren und Pendelverkehre effektiv verlagern. [BMUB17d, S. 21]
Die Motivation von Menschen, eine Wege zu Fuß, mit dem Rad oder einem (Elektro-)Roller zurückzulegen, hängt stark von äußeren Umständen wie dem Stadtbild, der Bodenbeschaffenheit, der Umgebungsattraktivität (Wohlfühl- versus Angsträume), den Witterungsverhältnissen, der subjektiven Verkehrssicherheit und der Topografie ab. Im Gegensatz zur Fortbewegung in geschlossenen Fahrzeugen nehmen Zufußgehende, Radfahrende oder Nutzerinnen und Nutzer von Angebote der Mikromobilität (beispielsweise E-Tretroller und E-Scooter, Segways, Skateboards) ihre Umgebung direkter und ungefilterter wahr und werden dementsprechend von ihr beeinflusst - positiv wie negativ. Eine Neuverteilung des öffentlichen Raums und insbesondere von Verkehrsflächen zugunsten des Umweltverbundes kann den Umstieg auf aktive, gesundheitsfördernde und emissionsarme Mobilitätsformen begünstigen und deren Nutzung stärken.
Leitbilder wie "die Stadt der kurzen Wege", zu denen auch Ansätze wie die "15-Minuten-Stadt" [More24] zählen, zielen darauf ab, die Notwendigkeit der Nutzung des motorisierten Individualverkehrs (MIV) zu verringern, indem Infrastrukturen der Nahversorgung vielfältig, lokal verfügbar und innerhalb kurzer Zeit zu Fuß, mit dem Rad, mit Angeboten der Mikromobilität oder dem öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) erreichbar sind [Eise21].
Die städtebaulichen und -planerischen Grundsätze werden ergänzt durch verkehrsplanerische Strategien wie zum Beispiel [MeSc21, S. 60]
  • die Stärkung des Umweltverbundes und die Förderung aktiver Mobilität,
  • die Integration neuer Technologien zur Vermeidung von Emissionen,
  • die Etablierung alternativer, innovativer Mobilitätsformen oder
  • die effiziente Abwicklung des Verkehrs durch Verkehrs- und Mobilitätsmanagement.
Eine integrierte Verkehrsplanung setzt für die angestrebte Verkehrswende auf die Strategien der Vermeidung, Verlagerung und Verbesserung des Verkehrs. Zum Grundsatz der Verkehrsvermeidung zählen einerseits Strategien zur Reduzierung der Wegeanzahl beispielsweise durch eine Kopplung von Aktivitäten und Wegen, die Substitution von Wegen durch Telearbeit und -kommunikation oder die Tourenoptimierung in der Logistik. Auch Strategien zur Reduzierung der Wegelängen, zum Beispiel durch die Verbesserung der Erreichbarkeit von Versorgungseinrichtungen, können Verkehre vermeiden. Strategien der Verlagerung von Verkehr beinhalten die Förderung der Nutzung umwelt- und klimaschonender Verkehrsmittel, also den Umstieg vom Pkw auf den ÖPNV, Rad- oder Fußverkehr, die Verlagerung von Güterverkehren vom Lkw auf die Schiene oder in Innenstädten auf kleinere, elektrifizierte Transportfahrzeuge. Strategien zur Verbesserung und verträglichen Abwicklung des Verkehrs streben einerseits die Erhöhung der Verkehrssicherheit aller Nutzergruppen an. Andererseits zielen sie auf die Reduzierung von Verbräuchen und Emissionen durch neue Antriebstechnologien, durch die digitale Verknüpfung von Mobilitätsangeboten und durch verträgliche Fahrweisen und Verkehrssteuerung ab. Zudem kann durch eine Erhöhung des Besetzungsgrades in Pkw und eine bessere Auslastung im Güterverkehr eine Reduzierung des Fahrzeugbestandes ermöglichen. [GeHo20, S. 28]

Die Neuverteilung des öffentlichen Raums ist dabei ein Schlüsselelement zur Realisierung dieser Strategien und Ansätze einer integrierten Stadt- und Verkehrsplanung. Diese Ansätze können jedoch nicht allein mit infrastrukturellen Maßnahmen erreicht werden, sondern sind vielmehr Teil ganzheitlicher Konzepte. Diese sind interdisziplinär in Kombination mit digitalen Lösungen, Managementmaßnahmen und Anreizsystemen, mit einer Anpassung der rechtlichen Grundlagen sowie in Zusammenarbeit mit allen betroffenen Akteuren mit ihren je eigenen Bedarfen zu gestalten, um umwelt- und klimaschonendes Mobilitätsverhalten zu fördern und klimapolitische Ziele umzusetzen.
Ansprechperson
Institut für Mobilitäts- und Stadtplanung, Universität Duisburg-Essen, Prof. Dr.-Ing. Dirk Wittowsky
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Neuverteilung des öffentlichen urbanen Raums (Stand des Wissens: 27.02.2025)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?590903
Literatur
[BMUB17d] Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (Hrsg.) Weißbuch Stadtgrün. Grün in der Stadt - Für eine lebenswerte Zukunft , 2017/05
[Eise21] Eisenreich, Stefanie Paris auf dem Weg zur Stadt der 15 Minuten?, 2021/01
[GeHo20] Gertz, Carsten, Holz-Rau, Christian Ziele, Strategien und Maßnahmen einer integrierten Verkehrsplanung - Planungsverständnis des Arbeitskreises, veröffentlicht in Wechselwirkungen von Mobilität und Raumentwicklung im Kontext gesellschaftlichen Wandels. Forschungsberichte der ARL, Ausgabe/Auflage 14, Hannover, 2020
[Köhl14] Uwe Köhler Einführung in die Verkehrsplanung - Grundlagen, Modellbildung, Verkehrsprognose, Verkehrsnetze, Fraunhofer IRB Verl., Stuttgart, 2014, ISBN/ISSN 9783816790419; 3816790410; 3816790429; 9783816790426
[MeSc21] Messner, Dirk, Schubert, Tim Die Zukunft der Stadtmobilität, veröffentlicht in Mobilität der Zukunft. Intermodale Verkehrskonzepte, Springer Nature, 2021, Online-Referenz doi:10.1007/978-3-662-61352-8_3
[More24] Moreno, Carlos The 15-Minute City: A Solution to Saving Our Time and Our Planet, 2024/05/06, ISBN/ISSN 978-1394228140
[Rand13] Martin Randelhoff, Resiliente Infrastrukturen und Städte: Kritikalität und Interdependenzen, 2013
Glossar
Lkw Lastkraftwagen (Lkw) sind Kraftfahrzeuge, die laut Richtlinie 1997/27/EG überwiegend oder sogar ausschließlich für die Beförderung von Gütern und Waren bestimmt sind. Oftmals handelt es sich dabei um Fahrzeuge mit einer zulässigen Gesamtmasse zwischen 3,5 und 12 Tonnen. In Einzelfällen kann die zulässige Gesamtmasse diese Werte jedoch auch unter- beziehungsweise überschreiten, sofern das Kriterium der Güterbeförderung gegeben ist. Lastkraftwagen können auch einen Anhänger ziehen.
Umweltverbund
Unter dem Begriff Umweltverbund wird die Kooperation der umweltfreundlichen Verkehrsmittel verstanden. Hierzu zählen die öffentlichen Verkehrsmittel (Bahn, Bus und Taxis), nicht motorisierte Verkehrsträger (Fußgänger und private oder öffentliche Fahrräder), sowie Carsharing und Mitfahrzentralen. Ziel ist es, Verkehrsteilnehmern zu ermöglichen, ihre Wege innerhalb des Umweltverbunds, anstatt mit dem eigenen Pkw, zurückzulegen. Zunehmend wird der Begriff Mobilitätsverbund genutzt.
Motorisierter Individualverkehr Als motorisierter Individualverkehr (MIV) wird die Nutzung von Pkw und Krafträdern im Personenverkehr bezeichnet. Der MIV, als eine Art des Individualverkehrs (IV), eignet sich besonders für größere Distanzen und alle Arten von Quelle-Ziel-Beziehungen, da dieser zeitlich als auch räumlich eine hohe Verfügbarkeit aufweist. Verkehrsmittel des MIV werden von einer einzelnen Person oder einem beschränkten Personenkreis eingesetzt. Der Nutzer ist bezüglich der Bestimmung von Fahrweg, Ziel und Zeit frei (örtliche, zeitliche Ungebundenheit des MIV).
Öffentlicher Personennahverkehr
Der öffentliche Personennahverkehr ist juristisch im Personenbeförderungsgesetz (PBefG) definiert. Laut Paragraf 8, Absatz 1 und 2 umfasst der ÖPNV "die allgemein zugängliche Beförderung von Personen mit Straßenbahnen, Obussen und Kraftfahrzeugen im Linienverkehr, die überwiegend dazu bestimmt sind, die Verkehrsnachfrage im Stadt-, Vorort- oder Regionalverkehr zu befriedigen". Taxen oder Mietwagen können dieses Angebot ersetzten, ergänzen oder verdichten.
Der Begriff ÖPNV bezieht sich in der Regel auf Strecken mit einer gesamten Reiseweite von weniger als 50 Kilometern oder einer gesamten Reisezeit von weniger als einer Stunde. Das in einer Stadt oder Region erforderliche Nahverkehrsangebot und dessen Eignung hinsichtlich Nachhaltigkeit und Klimaschutz wird in einem Nahverkehrsplan definiert und festgehalten.
Verkehrswende
Mit der Verkehrswende in Deutschland wird das Ziel verfolgt, den Verkehrssektor bis spätestens 2050 klimaneutral zu gestalten. Dazu sollen die anfallenden Treibhausgasemissionen möglichst vollständig vermieden und verbleibende Restemissionen durch die Entnahme von Treibhausgasen aus der Atmosphäre ausgeglichen werden. Die Verkehrswende lässt sich in zwei parallellaufende Entwicklungen gliedern: die Mobilitätswende und die Energiewende im Verkehr (auch Antriebswende genannt).
Verkehrsleistung
Die Verkehrsleistung gibt Auskunft über die Inanspruchnahme von Ressourcen. Als Verkehrsleistung wird die auf eine Zeiteinheit t (zum Beispiel ein Jahr) bezogene Verkehrsarbeit definiert und als Quotient dargestellt. Die Verkehrsarbeit wird dabei als Produkt von Verkehrseinheiten (zum Beispiel Güter oder Personen) und der durch diese zurückgelegten Strecke gebildet. In der Verkehrswissenschaft sind die Einheiten Personenkilometer pro Jahr [Pkm/a] oder Tonnenkilometer pro Jahr [tkm/a] gebräuchlich.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?590675

Gedruckt am Donnerstag, 3. April 2025 23:50:37