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Ziele einer Neuverteilung des öffentlichen urbanen Raums

Erstellt am: 27.02.2025 | Stand des Wissens: 27.02.2025

Synthesebericht gehört zu:

Die Ziele einer Neuverteilung des öffentlichen Raums in Städten ergeben sich aus den bestehenden Strukturen in Verbindung mit den Herausforderungen, denen Städte aktuell und zukünftig begegnen müssen. Die Ziele betreffen im Allgemeinen unter anderem folgende Themenfelder:
  • Klimapolitik, Resilienz und Nachhaltigkeit
  • Mobilitätsverhalten und -bedarfe
  • effiziente Abwicklung von Verkehren
  • Mobilitäts- und Umweltgerechtigkeit
  • Gesundheit
  • Wettbewerbsfähigkeit und Wirtschaftlichkeit
  • soziale Teilhabe, Inklusion und soziale Kohärenz
Mit einer Neuverteilung des öffentlichen urbanen Raums und der Umgestaltung des Verkehrssystems werden je nach Entscheidungsebene und fachlichem Hintergrund vielfältige Ziele formuliert, die ineinandergreifen und sich inhaltlich ergänzen, aber auch miteinander konkurrieren können. Die folgenden Ziele einer Neuverteilung des öffentlichen Raums werden im Rahmen der Diskussion um die Verkehrs- oder Mobilitätswende direkt oder indirekt in der wissenschaftlichen Literatur aufgeführt [WiBMDV21, S. 13; HoSc20, S. 97; MeSc21, S. 60; EuKom20d, S. 50; UBA15]:
  • Sicherung der Erreichbarkeit und Mobilität für alle Nutzergruppen, Personen- und Wirtschaftsverkehre
  • Gewährleistung einer hohen Zuverlässigkeit des Verkehrssystems
  • Unterstützung aktiver Mobilität durch angepasste Stadtstrukturen
  • Erhöhung der Verkehrssicherheit aller Verkehrsteilnehmerinnen und -teilnehmer
  • Reduktion der Luftschadstoff- und Lärmemissionen
  • Anpassung an Klimaänderungen und Förderung resilienter Infrastrukturen
  • Verbesserung der Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum zur Förderung von Erholung
  • Schaffung von Orten sozialer und kultureller Interaktion und Aneignung
  • Vermeidung zusätzlicher Flächeninanspruchnahme und -versiegelung
  • Sicherstellung transparenter und nachvollziehbarer Planungsprozesse und Einbindung aller betroffenen Akteure
  • Reduzierung der Kfz-Fahrleistung zur Förderung der zuvor genannten Ziele und damit Veränderung des Modal Split zugunsten des Umweltverbundes
Eine Neuverteilung des öffentlichen Raums soll dazu beitragen, klimaschonende Mobilitätsformen wie den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV), das Fahrradfahren, das Zufußgehen und die Nutzung von Angeboten der Mikromobilität (elektrisch motorisierten sowie nicht motorisierten Kleinst- und Leichtfahrzeugen) zu fördern. Indem der Raum für den individuellen Kraftfahrzeugverkehr reduziert und für andere Mobilitätsformen erweitert wird, könne zudem der Verkehrsfluss verbessert, Verkehrsstaus reduziert und eine effizientere Nutzung des vorhandenen Verkehrsnetzes gefördert werden, da der Verkehr langfristig anteilig auf den Umweltverbund verlagert wird. Auch ein verbesserter Zugang zu öffentlichen Verkehrsmitteln sowie eine Steigerung von Zuverlässigkeit, Taktung und Reisekomfort des ÖPNV können durch eine Neuverteilung öffentlicher Räume in Stadtgebieten unterstützt werden, beispielsweise mithilfe gesonderter Fahrspuren. Der Ausbau und die Bereitstellung von adäquaten Verkehrsflächen für den Rad- und Fußverkehr und eine Reduktion der Geschwindigkeit für Kraftfahrzeuge fördern die Verkehrssicherheit und können zur Reduktion der Treibhausgas-, Luftschadstoff- und Lärmemissionen beitragen. Allerdings ist anzumerken, dass eine reine Neuverteilung öffentlicher Flächen im Rahmen integrierter Stadt- und Verkehrsplanung zwar lebendige, lebenswerte und funktionsfähige Städte fördern kann, aber eine langfristige Reduktion von schädlichen Emissionen (Treibhausgase, Luftschadstoffe, Lärm) jedoch aufgrund der steigenden Mobilitätsbedarfe nur mithilfe einer Änderung des Mobilitätsverhaltens der Nutzenden erreicht werden könne [HoSc20, Rand14b]. Eine Neuverteilung des öffentlichen Raums kann nur in Kombination mit weiteren Push- und Pull-Maßnahmen gelingen und das übergeordnetes Ziel verfolgen einen Beitrag zur langfristige Änderung des Mobilitätsverhaltens der Bevölkerung zu leisten.
Eine Neuverteilung des öffentlichen urbanen Raums zielt zusammenfassend darauf ab, die Lebensqualität in städtischen Gebieten zu verbessern, die Umweltauswirkungen des Verkehrs zu reduzieren und die Mobilität in der Stadt effizienter und zukunftsweisend zu gestalten, ohne dabei private und wirtschaftliche Interessen aus den Augen zu verlieren.
Ansprechperson
Institut für Mobilitäts- und Stadtplanung, Universität Duisburg-Essen, Prof. Dr.-Ing. Dirk Wittowsky
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Neuverteilung des öffentlichen urbanen Raums (Stand des Wissens: 27.02.2025)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?590903
Literatur
[EuKom20d] Europäische Kommission Strategie für nachhaltige und intelligente Mobilität: Den Verkehr in Europa auf Zukunftskurs bringen, 2020/12/09
[HoSc20] Holz-Rau, Christian, Scheiner, Joachim Raum und Verkehr - ein Feld komplexer Wirkungsbeziehungen. Können Interventionen in die gebaute Umwelt klimawirksame Verkehrsemissionen wirklich senken?, veröffentlicht in Wechselwirkungen von Mobilität und Raumentwicklung im Kontext gesellschaftlichen Wandels. Forschungsberichte der ARL 14, Ausgabe/Auflage 14, 2020
[MeSc21] Messner, Dirk, Schubert, Tim Die Zukunft der Stadtmobilität, veröffentlicht in Mobilität der Zukunft. Intermodale Verkehrskonzepte, Springer Nature, 2021, Online-Referenz doi:10.1007/978-3-662-61352-8_3
[Rand14b] Randelhoff, Martin Vergleich unterschiedlicher Flächeninanspruchnahmen nach Verkehrsarten (pro Person) , 2014/08/19
[UBA15] Gerlach, Julia , Hübner, Susan , Becker, Thilo , Becker, Udo J. Entwicklung von Indikatoren im Bereich Mobilität für die Nationale Nachhaltigkeitsstrategie, 2015/02
[WiBMDV21] Wissenschaftlicher Beirat beim Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur Perspektiven für den Stadtverkehr der Zukunft. Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur, 2021/05/25
Weiterführende Literatur
[BMUB17d] Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (Hrsg.) Weißbuch Stadtgrün. Grün in der Stadt - Für eine lebenswerte Zukunft , 2017/05
Glossar
Treibhausgase Diese in der Atmosphäre sich befindlichen Gase verhindern, dass langwellige Infrarotstrahlung auf direktem Weg von der Erdoberfläche ins Weltall gelangt. Sie verhalten sich wie Glasscheiben eines Treibhauses und heizen die Atmosphäre auf. Natürliche Treibhausgase:
  • Wasserdampf
  • Kohlendioxid
  • Ozon
  • Methan
  • Stickoxid
Vom Menschen gemachte Treibhausgase:
  • FKW
  • HFKW
  • FCKW
  • SF6
Verkehrsfluss
Unter Verkehrsfluss versteht man die Anzahl der Fahrzeuge, die eine vordefinierte Verkehrs(quer)fläche pro Zeiteinheit durchfährt.
Umweltverbund
Unter dem Begriff Umweltverbund wird die Kooperation der umweltfreundlichen Verkehrsmittel verstanden. Hierzu zählen die öffentlichen Verkehrsmittel (Bahn, Bus und Taxis), nicht motorisierte Verkehrsträger (Fußgänger und private oder öffentliche Fahrräder), sowie Carsharing und Mitfahrzentralen. Ziel ist es, Verkehrsteilnehmern zu ermöglichen, ihre Wege innerhalb des Umweltverbunds, anstatt mit dem eigenen Pkw, zurückzulegen. Zunehmend wird der Begriff Mobilitätsverbund genutzt.
Öffentlicher Personennahverkehr
Der öffentliche Personennahverkehr ist juristisch im Personenbeförderungsgesetz (PBefG) definiert. Laut Paragraf 8, Absatz 1 und 2 umfasst der ÖPNV "die allgemein zugängliche Beförderung von Personen mit Straßenbahnen, Obussen und Kraftfahrzeugen im Linienverkehr, die überwiegend dazu bestimmt sind, die Verkehrsnachfrage im Stadt-, Vorort- oder Regionalverkehr zu befriedigen". Taxen oder Mietwagen können dieses Angebot ersetzten, ergänzen oder verdichten.
Der Begriff ÖPNV bezieht sich in der Regel auf Strecken mit einer gesamten Reiseweite von weniger als 50 Kilometern oder einer gesamten Reisezeit von weniger als einer Stunde. Das in einer Stadt oder Region erforderliche Nahverkehrsangebot und dessen Eignung hinsichtlich Nachhaltigkeit und Klimaschutz wird in einem Nahverkehrsplan definiert und festgehalten.
Modal Split
Modal Split wird in der Verkehrsstatistik die prozentuale Verteilung des Personen- und Güterverkehrs auf verschiedene Verkehrsmittel (Modi) genannt. Der Modal Split ist Folge des Mobilitätsverhaltens der Menschen und der wirtschaftlichen, insbesondere der verkehrlichen Entscheidungen von Unternehmen.
Mobilitätswende
Mit der Mobilitätswende soll der Endenergieverbrauch des Verkehrssektors gesenkt werden, ohne dass die Mobilität der Menschen eingeschränkt wird. Diesem Ziel folgend, versucht man mit der Mobilitätswende Verkehr zu vermeiden (zum Beispiel durch stadtplanerische Maßnahmen), auf emissionsfreie und emissionsarme Fortbewegungsmittel zu verlagern (zum Beispiel auf den öffentlichen Verkehr) und effizienter abzuwickeln (zum Beispiel durch verkehrssteuernde Maßnahmen).

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?590665

Gedruckt am Freitag, 4. April 2025 18:02:41