Forschungsinformationssystem des BMVI

zurück Zur Startseite FIS

Herausforderungen in urbanen Gebieten und Anlass der Diskussion um eine Neuverteilung des öffentlichen Raums

Erstellt am: 27.02.2025 | Stand des Wissens: 27.02.2025

Synthesebericht gehört zu:

Die historisch bedingte Gestalt europäischer und somit auch deutscher Städte mit ihrer autogerechten Ausrichtung stellt die Stadt- und Verkehrsentwicklung hinsichtlich aktueller und zukünftiger Entwicklungen und Trends vor neue Herausforderungen.
In Deutschland werden in Zukunft infolge des Klimawandels häufiger Hitzewellen, Stürme und Starkniederschläge erwartet sowie eine Verschiebung der Niederschläge aus den Sommermonaten in die Wintermonate hinein, wodurch vermehrt mit Trockenperioden im Sommer zu rechnen ist [UBA19j, S. 183f.]. Neben Auswirkungen auf die (Verkehrs-) Infrastruktur werden zunehmend auch die Lebensbedingungen der in urbanen Räumen lebenden Menschen durch die klimatischen Veränderungen beeinflusst. Der hohe Versiegelungsgrad durch Flächen des ruhenden und fließenden Verkehrs (dunkle Straßenbeläge, Parkplätze) und hohe Bebauungsdichten, insbesondere in den Stadtzentren, bedingt in Städten oft einen Mangel an Frisch- und Kaltluftschneisen und Versickerungsflächen. Infolgedessen steigt die Gefahr von Überschwemmungen bei Starkregen und das Auftreten urbaner Hitzeinseln (UHI) [UBA19j, S. 34]. Zu den vulnerablen Gruppen bei extremen Hitzeereignissen zählen insbesondere ältere Menschen, Kleinkinder und Säuglinge, Personen mit schweren (chronischen) Erkrankungen und Personen, die ungeschützt draußen arbeiten [UBA19j, S. 34, KeSc20, S. 60]. Die Morbidität und Mortalität durch extreme Hitzeereignisse haben sich nachweislich sowohl global als auch in Deutschland erhöht [MoDo17, MuLa17, HeHa19, KeSc20, S. 61].
Um die Ziele des Pariser Klimaabkommens zu erreichen, haben sich neben Deutschland 194 weitere Staaten verpflichtet "den Klimawandel einzudämmen und die Weltwirtschaft klimafreundlich umzugestalten" [BMZ23b]. Die Bundesregierung hat im Bundes-Klimaschutzgesetzt [Bund22a] festgehalten, dass die gesamten Treibhausgasemissionen bis 2030 um 65 Prozent und bis 2040 um 88 Prozent sinken müssen (jeweils im Vergleich zum Jahr 1990) - im Jahr 2045 soll Deutschland bereits netto klimaneutral sein [BMDV23af]. 2022 konnte dem Verkehrssektor in Deutschland, hauptsächlich dem Straßenverkehr, etwa 20 Prozent der Treibhausgasemissionen zugeordnet werden [BMDV24aq, S. 315].
Insbesondere die Luftschadstoffe Stickstoffdioxid (NO2), Ozon (O3) und Feinstaub (PM10, PM2,5) stehen im Zusammenhang mit gesundheitlichen Schäden bei Menschen. Die derzeit gültigen EU-Grenz- und Zielwerte von 2008 stellen dabei einen Kompromiss zwischen dem Schutzziel (der menschlichen Gesundheit) und der Machbarkeit dar, während die Weltgesundheitsorganisation (WHO) auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse aus dem Jahr 2021 strengere Richtwerte empfiehlt [UBA23ad, WHO21, UBA23ae]. Auch (Verkehrs-) Lärm wirkt sich nachweislich negativ auf den menschlichen Organismus aus, insbesondere bei nächtlichen Belastungen: so konnte eine Zunahme des Risikos für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und psychische Störungen bereits bei geringen nächtlichen Dauerschallpegeln von 40 dB(A) nachgewiesen werden [UBA21ak].
Urbane Räume weisen neben verkehrsbedingten Luft- und Lärmbelastungen eine hohe Reizdichte auf, welche auf die Bewohnerinnen und Bewohner wirken und kognitive Ressourcen fordern. Für die Gesundheit auf "physischer, psychischer und sozialer Ebene" sind neben der Reduktion der Stressoren auch Erholungsräume von großer Bedeutung, sowohl Grünräume als auch die gebaute Umwelt [WBGU16]. Des Weiteren sollte die Bewegung und aktive Mobilität von Kindern und Erwachsenen gefördert werden. Die Ausübung vielfach sitzender Tätigkeiten und die Nutzung privater Pkw zur Fortbewegung kann Bewegungsmangel bedingen, welcher in Kombination mit einer ungesunden Ernährung das Risiko für Adipositas, Diabetes Typ II und kardiovaskuläre Erkrankungen erhöhen kann. Diese typischen Erwachsenenkrankheiten treten immer häufiger auch bei Kindern auf [UBA05b, S. 21]. Studien belegen, dass aktive Mobilität positive Auswirkungen auf die Gesundheit hat [VCOE23].
Im Hinblick auf den prognostizierten demographischen, sozialen und gesellschaftlichen Wandel sowie fortschreitende technologische Neuerungen wird eine situationsbedingte Anpassung des Mobilitätsangebots nötig sein. Beispielsweise ist die Schaffung von barrierefreien Mobilitätsangeboten und -infrastrukturen notwendig, wenn die Gesellschaft im Zuge des demographischen Wandels altert. Die vorherrschende Priorisierung des motorisierten Individualverkehrs (MIV) in der städtischen Mobilität und die steigende Anzahl immer größer werdender Pkw resultieren in erheblichen Raumforderungen sowohl durch den fließenden als auch den ruhenden Verkehr [HuSc24].
Insbesondere städtische Armutsgruppen sind häufig von den negativen Auswirkungen des motorisierten Individualverkehrs betroffen: sie wohnen oftmals in unbeliebten Lagen entlang vielbefahrener Ausfallstraßen und sind aufgrund fehlenden Besitzes eines eigenen Pkw auf alternative Mobilitätsangebote angewiesen, "deren Ausbau [in der Vergangenheit] vielerorts zugunsten des motorisierten Individualverkehrs zurückgestellt wurde" [VCOE23, S. 425]. Des Weiteren können in Wohngebieten, in denen die Einwohnenden bereits stärker unter Einflüssen wie Lärm und Luftverschmutzung leiden als Einwohnende in anderen Wohngebieten, die Effekte der städtischen Verdichtung zusätzliche Belastungen mit sich bringen [BBSR21e][BuRe20b].
Auch die Mobilitätsbedürfnisse haben sich gesamtgesellschaftlich verändert und Aktionsräume ausgedehnt: mit der individuellen Motorisierung konnten Reisegeschwindigkeiten drastisch erhöht und die räumliche Distanz von Fahrtzielen (Wohnen, Arbeit und Freizeit) zunehmen. Daraus resultieren neben hohen Pendlerverkehren im Personenverkehr auch die räumlichen Verflechtungen im Wirtschaftsverkehr [HoSc20, S. 91]. Sich wandelnde Lebensstile und technische Neuerungen verändern den Mobilitätsbedarf und das Mobilitätsverhalten von Stadtbewohnerinnen und -bewohnern ebenfalls: Zu erwarten ist, dass durch die Digitalisierung der Arbeitswelt das Ausmaß der Nutzung von Telearbeit und Online-Konferenzen steigen wird [ReWi20, S. 204]. Die Verfügbarkeit von Angeboten der Mikromobilität (zum Beispiel Bike- oder E-Scooter-Sharing) und Mobilitätsdienstleistungen (Mobility-as-a-Service (MaaS)), eröffnet Nutzenden zudem eine größere Freiheit bei der Verkehrsmittelwahl im Bereich der Nahmobilität.
Mit Blick auf die Herausforderungen insbesondere durch Klimaveränderungen, stellt sich die Frage, wie Städte resilienter und lebenswerter gestaltet werden können. Dabei sind Städte stets als komplexe Systeme zu verstehen. Neben Mobilität, Stadt- und Raumstruktur sowie Umwelt- und Klimaaspekten sollte auch das Sozialgefüge und das Bevölkerungsverhalten berücksichtigt werden, um die Mobilität aller Bürgerinnen und Bürgern zu sichern. Denn die räumliche Verteilung von Wohn- und Arbeitsplätzen sowie Versorgungs-, Bildungs- und Freizeiteinrichtungen bestimmen maßgeblich die Mobilitätsbedarfe der Menschen mit [Rand14b].

verknüpft mit

Publikationen

Ansprechperson
Institut für Mobilitäts- und Stadtplanung, Universität Duisburg-Essen, Prof. Dr.-Ing. Dirk Wittowsky
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Neuverteilung des öffentlichen urbanen Raums (Stand des Wissens: 27.02.2025)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?590903
Literatur
[BBSR21e] Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (Hrsg.) Gesundheit in der Stadt: Maßnahmen für einen gesunden Lebensraum, 2023/11
[BMDV23af] Bundesministerium für Digitales und Verkehr (Hrsg.) Überblick: Klimaschutz im Verkehr, 2023/07/13
[BMDV24aq] Bundesministerium für Digitales und Verkehr (Hrsg.) Verkehr in Zahlen 2024/25, Ausgabe/Auflage 53, 2024
[BMZ23b] Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (Hrsg.) Klimaabkommen von Paris, 2023
[Bund22a] Bundesregierung (Hrsg.) Generationenvertrag für das Klima, 2022/11/07
[BuRe20b] Bunge, Christiane, Rehling, Julia Umweltgerechtigkeit in Städten, veröffentlicht in Informationen zur Raumentwicklung: Gesundheit und Krankheit aus räumlicher Perspektive, Ausgabe/Auflage 2020(1), 2020, ISBN/ISSN 0303-2493
[HeHa19] Herrmann, A., Haefeli, W. E., Lindemann, U., Rapp, K., Roigk, P., Becker, C. Epidemiologie und Prävention hitzebedingter Gesundheitsschäden älterer Menschen, veröffentlicht in Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie, Ausgabe/Auflage 52(5), 2019/07/25, Online-Referenz doi:10.1007/s00391-019-01594-4
[HoSc20] Holz-Rau, Christian, Scheiner, Joachim Raum und Verkehr - ein Feld komplexer Wirkungsbeziehungen. Können Interventionen in die gebaute Umwelt klimawirksame Verkehrsemissionen wirklich senken?, veröffentlicht in Wechselwirkungen von Mobilität und Raumentwicklung im Kontext gesellschaftlichen Wandels. Forschungsberichte der ARL 14, Ausgabe/Auflage 14, 2020
[HuSc24] Huber, Felix; , Schwedes, Oliver 2.3.3.2 Autos und Stadtraum, veröffentlicht in Handbuch für kommunale Verkehrsplanung (HKV). Strategien, Konzepte, Maßnahmen für eine integrierte und nachhaltige Mobilität. , Ausgabe/Auflage 11/24, VDE Verlag, 2024
[KeSc20] Kemen, Juliane, Schäffer-Gemein, Silvia, Kistemann, Thomas Klimaanpassung und Hitzeaktionspläne, veröffentlicht in Informationen zur Raumentwicklung: Gesundheit und Krankheit aus räumlicher Perspektive, Ausgabe/Auflage 2022(1), 2020
[MoDo17] Mora, Camilo, Dousset, Bénédicte, Caldwell, Iain R., Powell, Farrah E., Geronimo, Rollan C., Bielecki, Coral R., Counsell, Chelsie W. W., Dietrich, Bonnie S., Johnston, Emily T., Louis, Leo V., Lucas, Matthew P., McKenzie, Marie M., Shea, Alessandra G., Tseng, Han, Giambelluca, Thomas W., Leon, Lisa R., Hawkins, Ed, Trauernicht, Clay Global risk of deadly heat, veröffentlicht in Nature Clim Change (Nature Climate Change), Ausgabe/Auflage 7, 2017/07/19, Online-Referenz doi:10.1038/nclimate3322
[MuLa17] Muthers, Stefan, Laschewski, Gudrun, Matzarakis, Andreas The Summers 2003 and 2015 in South-West Germany: Heat Waves and Heat-Related Mortality in the Context of Climate Change, veröffentlicht in Atmosphere , Ausgabe/Auflage 8(11), 2017/11/15, Online-Referenz doi:10.3390/atmos8110224
[Rand14b] Randelhoff, Martin Vergleich unterschiedlicher Flächeninanspruchnahmen nach Verkehrsarten (pro Person) , 2014/08/19
[ReWi20] Reutter, Ulrike, Wittowsky, Dirk Technologische Neuerungen und mögliche Folgen für Raum und Verkehr, veröffentlicht in Wechselwirkungen von Mobilität und Raumentwicklung im Kontext gesellschaftlichen Wandels. Forschungsberichte der ARL, Ausgabe/Auflage 14, 2020
[UBA05b] Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg GmbH, Verkehrsclub Deutschland (VCD) e. V., Pädagogische Hochschule Schwäbisch-Gmünd Nachhaltige Mobilitätserziehung in Schulen, Heidelberg, 2005/08
[UBA19j] Umweltbundesamt (Hrsg.) Monitoringbericht 2019 zur Deutschen Anpassungsstrategie an den Klimawandel, 2019/11
[UBA21ak] Umweltbundesamt (Hrsg.) Themen: Lärm. Stressreaktionen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen., 2021
[UBA23ad] Umweltbundesamt (Hrsg.) Themen: Luft. Wirkungen auf die Gesundheit, 2023/04/14
[UBA23ae] Umweltbundesamt (Hrsg.) Comparison of the current European ambient air limits/target values and the World Health Organization (WHO) air quality guidelines for the protection of human health, 2023/01/18
[VCOE23] Mosshammer, Lina Verkehrsberuhigung schafft Raum für aktive Mobilität, 2023/05
[WBGU16] Frauke Kraas, Claus Leggewie, Peter Lemke, Ellen Matthies, Dirk Messner, Nebojsa Nakicenovic, Hans Joachim Schellnhuber, Sabine Schlacke, Uwe Schneidewind Der Umzug der Menschheit. Die transformative Kraft der Städte, Berlin, 2016, ISBN/ISSN 978-3-936191-44-8
[WHO21] World Health Organization (WHO) (Hrsg.) WHO global air quality guidelines. Particulate matter (PM2.5 and PM10), ozone, nitrogen dioxide, sulfur dioxide and carbon monoxide. , 2021/09/22
Glossar
Aktive Mobilität
Die Aktive Mobilität (im Gegensatz zur passiven Mobilität durch motorisierte Verkehrsmittel) umfasst alle Fortbewegungsarten, die ganz oder teilweise auf köperlicher Aktivität (Muskelkraft) basieren (zu Fuß gehen, Fahrradfahren, Tretroller, Kickboard). Aktive Mobilität fördert Fitness & Gesundheit, ist mit geringen Kosten umzusetzen und erhöht die Lebensqualität. Das E-Bike ist eine Mischform aus Aktiver und passiver Mobilität.
Motorisierter Individualverkehr Als motorisierter Individualverkehr (MIV) wird die Nutzung von Pkw und Krafträdern im Personenverkehr bezeichnet. Der MIV, als eine Art des Individualverkehrs (IV), eignet sich besonders für größere Distanzen und alle Arten von Quelle-Ziel-Beziehungen, da dieser zeitlich als auch räumlich eine hohe Verfügbarkeit aufweist. Verkehrsmittel des MIV werden von einer einzelnen Person oder einem beschränkten Personenkreis eingesetzt. Der Nutzer ist bezüglich der Bestimmung von Fahrweg, Ziel und Zeit frei (örtliche, zeitliche Ungebundenheit des MIV).
Mobility-as-a-service
Unter dem Begriff Mobility-as-a-service werden Mobilitätskonzepte verstanden, die öffentliche und private Verkehrsangebote über eine einheitliche elektronische Plattform kombinieren. Über diese Plattform werden Verkehrsdienstleistungen unterschiedlicher Anbieter und bei Nutzung unterschiedlicher Verkehrsmittel gebucht, vermittelt und abgerechnet. Ziel ist es individuelle maßgeschneiderte Mobilitätslösungen anzubieten.
dB(A) Messgröße des A-bewerteten Schalldruckpegels zur Bestimmung von Geräuschpegeln. Die dB-Skala ist logarithmisch aufgebaut, d. h. eine Verdoppelung der Lärmintensität führt zu einer Erhöhung um 3 dB. Das menschliche Ohr empfindet eine Erhöhung um 10 dB als Verdoppelung der Lautstärke. Hierzu ist eine Schallintensitätsverzehnfachung erforderlich. Der Zusatz "(A)" gibt an, dass dem betreffenden Messergebnis die standardisierte A-Berwertungskurve zugrunde liegt. Sie berücksichtigt einen nichtlinearen frequenz- und pegelabhängigen Zusammenhang zwischen subjektiv wahrgenommenem Läutstärkepegel und vorliegendem Schalldruckpegel. So empfindet das menschliche Gehör bspw. mittlere Frequenzen im Vergleich zu niedrigen Frequenzgängen als wesentlich lauter, weshalb die Einheit dB(A) entsprechende Tonhöhen stärker gewichtet. Ein gesundes Ohr kann bereits einen Schalldruck von 0 dB (A) wahrnehmen (Hörschwelle), bei Werten über 120 dB (A) wird die Geräuschbelastung unerträglich laut (Schmerzgrenze). Eine Langzeiteinwirkung von über 85 dB(A) zieht u. U. dauerhafte Gehörschäden nach sich.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?590624

Gedruckt am Donnerstag, 3. April 2025 23:01:23