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Neuverteilung des öffentlichen urbanen Raums

Erstellt am: 27.02.2025 | Stand des Wissens: 27.02.2025

Synthesebericht gehört zu:

Städte und Stadtregionen sind zentrale Lebens- und Wirtschaftsräume. Bis zum Jahr 2050 wird erwartet, dass etwa zwei Drittel der Menschheit in Städten leben werden [WBGU16, S. 1]. In Deutschland leben bereits jetzt zwei Drittel der Menschen in Städten oder in deren Umland - vor allem in Metropolregionen wächst die Bevölkerung stetig. Die hohe Bevölkerungsdichte, der hohe Anteil von Kultur und Bildung sowie die räumliche Konzentration von Funktionen und Nutzungen bergen großes Potenzial für die Verkehrswende [Klei20, S. 11]. Gleichzeitig bedingen all diese Faktoren ein hohes Verkehrsaufkommen, zum einen durch Binnenverkehre, wie Wege zur Arbeit, zur Schule, zum Einkaufen, für Freizeitaktivitäten oder zur Begleitung anderer, zum anderen generieren auch Pendlerströme aus dem Umland weiteres Verkehrsaufkommen. Im Unterschied zum Verkehr in eher dünn besiedelten Räumen konkurriert das hohe Verkehrsgeschehen in Städten mit einer Vielzahl anderer räumlicher Nutzungen. Dies führt zu den aktuellen Problemen des Stadtverkehrs, wie eine hohe Konzentration verkehrsbedingter Belastungen und Ressourcenbeanspruchung, ein hoher Flächenverbrauch durch fließenden und ruhenden Verkehr, Trennwirkungen, Lärm, Luftverschmutzung, Stau- und Parkplatzprobleme, Verkehrsunfälle oder stadtklimatische Beeinträchtigungen [Klei20, S. 11f.]. Diese Probleme sind größtenteils auf Leitbilder und Ideale vergangener Stadt- und Verkehrsplanungsphasen zurückzuführen, die zur jeweiligen Zeit jedoch ihre Berechtigung hatten. Durch den fortschreitenden demographischen und sozialen Wandel und den zunehmenden Motorisierungsgrad der Gesellschaft bei begrenzt verfügbarer Fläche haben diese jedoch zu einer ineffizienten Nutzung der öffentlichen Räume im Sinne der Anforderungen an Infrastrukturen moderner Städte geführt [WBGU16, S. 425].
Die Entwicklung von Bevölkerung, Siedlungen und Infrastruktur einerseits und die Anforderungen an den Umweltschutz, insbesondere in Bezug auf Ressourcen- und Klimaschutz, spielen im Kontext des Leitbilds einer nachhaltigen Stadt- und Verkehrsentwicklung eine entscheidende Rolle. Ebenso beeinflusst die zunehmende Bedeutung technologischer Innovationen, wie beispielsweise in den Bereichen Elektromobilität und moderner Informations- und Kommunikationstechnologien, nicht nur unmittelbar die Formen der Mobilität, beispielsweise in Bezug auf Fahrzeugtechnik und Verkehrssteuerung, sondern hat auch vielfältige indirekte Auswirkungen auf das Mobilitätsverhalten der Stadtbewohnerinnen und -bewohner [JaBr16, S. 36].
Eine Neuverteilung des öffentlichen Raums im urbanen Kontext bedeutet, dass die vorhandene Fläche neu aufgeteilt und ihr zum Teil auch neue Funktionen zugeordnet werden, durch Verkehrsberuhigung und eine Umwidmung von Verkehrsflächen zugunsten anderer Verkehrsträger oder Nutzungen. Dies kann dazu beitragen, städtische Räume klimagerechter und lebenswerter zu gestalten, die Notwendigkeit der Nutzung des motorisierten Individualverkehrs (MIV) zu verringern und den Umweltverbund (öffentlicher Personennahverkehr (ÖPNV), Fuß- und Radverkehr) zu stärken. Neben der Reduktion von Luftschadstoffen, Lärmemissionen und der Vermeidung zusätzlicher Flächeninanspruchnahme und -versiegelung werden mit einer Neuverteilung der öffentlichen Flächen unterschiedliche, ineinandergreifende Ziele verfolgt: die Sicherung der Erreichbarkeit und Mobilität für alle Nutzergruppen im Personen- und Wirtschaftsverkehr, eine Erhöhung der Verkehrssicherheit aller Verkehrsteilnehmerinnen und -teilnehmer, die Anpassung an Klimaänderungen und die Förderung resilienter Infrastrukturen. Gleichzeitig soll die Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raumverbessert werden, um Erholung zu fördern und Orte sozialer und kultureller Interaktion und Aneignung zu schaffen. [WiBMDV21, S. 13; HoSc20, S. 97; MeSc21, S. 60].
Aus diesem Grund werden in der Verkehrsplanung Maßnahmen ergriffen, die darauf abzielen, die Verkehrslast zu reduzieren, den Fokus auf umweltfreundliche Mobilitätsoptionen und Transportmöglichkeiten zu legen und eine reibungslose Abwicklung zu gewährleisten. Neben technologischen Lösungen zur Verbesserung der Effizienz und der Förderung alternativer Mobilitätsformen zum MIV schließt dies vor allem eine grundlegende Änderung des Mobilitätsverhaltens ein [AlDa20, S. 5f.]. Um diese Ziele zu erreichen, ist es notwendig, verkehrsplanerische Maßnahmen mit städtebaulichen Maßnahmen zu verknüpfen, zum Beispiel durch Maßnahmen zur Stärkung des Umweltverbundes (Umwidmung von Verkehrsflächen bei gleichzeitiger Förderung polyzentrischer Stadtstrukturen, einer Durchmischung der Funktionen (Nahversorgung, Arbeit, Freizeiteinrichtungen) oder einer flächendeckenden Versorgung mit urbanem Grün und Freiflächen [MeSc21, S. 60].
Dies erfordert eine enge Zusammenarbeit von unterschiedlichen öffentlichen und privatwirtschaftlichen Akteurinnen und Akteuren sowie die Einbeziehung der Bürgerschaft, deren vielschichtige Einzelinteressen in Planungsprozessen berücksichtigt werden sollten, um ein Höchstmaß an Zufriedenheit zu gewährleisten. So verfolgt auch die Bundesregierung das Ziel, dass Projekte mit Vorteilen für die Gesamtgesellschaft nicht an Einzelinteressen scheitern sollen [WiBMDV21, S. 19]. Ein großes Potenzial bieten hier integrierte Planungsansätze, die mehrere Integrationsebenen ansprechen und verzahnen: Planungs- und Politikebenen (vertikale und horizontale Integration), verschiedene Fachdisziplinen (sektorale Integration), Verkehrsträger und Verkehrsarten (verkehrliche Integration) und Handelnde und Betroffene (Integration der Akteure). [GeHo20]
Allerdings haben Kommunen oft nur begrenzte finanzielle und personelle Ressourcen, und Änderungen in der politischen Agenda erschweren die Umsetzung großer Projekte, die oft eine langfristige Planung und Umsetzung erfordern [WiBMDV21 , S. 4]. Im Rahmen eines Mehr-Ebenen-Ansatzes verzahnen die Europäische Union (EU), der Bund und die Länder ihre bestehenden Ressourcen, um verstärkt über die Grenzen der Ressorts hinweg zusammenzuarbeiten. Förderprogramme, die inhaltlich abgestimmt und zwischen den Ministerien frühzeitig unter Einbeziehung der Kommunen erarbeitet werden, unterstützen zusätzlich das Erarbeiten integrierter Entwicklungspläne. Der Deutsche Städtetag vertritt die Auffassung, dass der rechtliche Rahmen, beispielsweise die Straßenverkehrsordnung (StVO), auf Grundlage neuster wissenschaftlicher Erkenntnisse und praktischer Erfahrungen aus den Kommunen im Hinblick auf die Neuverteilung des Raums zu prüfen und anzupassen sei. Zudem brauche es vereinfachter und beschleunigter Sonder- und Änderungsverfahren im Rahmen der Planungspraxis. Auch der bisher oftmals fehlende Erfahrungsaustausch zwischen den Städten könne durch praxisorientierte Forschungsprojekte, Wettbewerbe, Veranstaltungen und Veröffentlichungen unterstützt und intensiviert werden [DST16, S. 17f.].
Aufgabe der Forschung ist es, Maßnahmen, die einer Neuverteilung des Raumes zugeordnet werden können zu evaluieren unter Einbezug der räumlichen Rahmenbedingungen. Dabei stehen insbesondere die Übertragbarkeit und die Skalierung von Ansätzen und Maßnahmen auf andere Planungsräume und Maßstabsebenen, beispielsweise andere Quartiere oder Kommunen, im Vordergrund.
Ansprechperson
Institut für Mobilitäts- und Stadtplanung, Universität Duisburg-Essen, Prof. Dr.-Ing. Dirk Wittowsky
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Neuverteilung des öffentlichen urbanen Raums (Stand des Wissens: 27.02.2025)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?590903
Literatur
[AlDa20] Albrecht, Janna, Dangschat, Jens S., Holz-Rau, Christian, Hülz, Martina Verkehr - Mobilität - Raum - Gesellschaft: Zum Selbstverständnis des Arbeitskreises. , veröffentlicht in Wechselwirkungen von Mobilität und Raumentwicklung im Kontext gesellschaftlichen Wandels. Forschungsberichte der ARL, Ausgabe/Auflage 14, 2020
[DST16] Deutscher Städtetag Öffentlicher Raum und Mobilität. Positionspapier, 2016
[GeHo20] Gertz, Carsten, Holz-Rau, Christian Ziele, Strategien und Maßnahmen einer integrierten Verkehrsplanung - Planungsverständnis des Arbeitskreises, veröffentlicht in Wechselwirkungen von Mobilität und Raumentwicklung im Kontext gesellschaftlichen Wandels. Forschungsberichte der ARL, Ausgabe/Auflage 14, Hannover, 2020
[HoSc20] Holz-Rau, Christian, Scheiner, Joachim Raum und Verkehr - ein Feld komplexer Wirkungsbeziehungen. Können Interventionen in die gebaute Umwelt klimawirksame Verkehrsemissionen wirklich senken?, veröffentlicht in Wechselwirkungen von Mobilität und Raumentwicklung im Kontext gesellschaftlichen Wandels. Forschungsberichte der ARL 14, Ausgabe/Auflage 14, 2020
[JaBr16] Christian Jacoby, Nicole Braun Neue Mobilitätsformen und -technologien Merkmale und Potenziale für eine nachhaltige Raumentwicklung, veröffentlicht in Potenziale neuer Mobilitätsformen und -technologien für eine nachhaltige Raumentwicklung, Ausgabe/Auflage Arbeitsberichte der ARL, Nr. 18 , Verlag der ARL - Akademie für Raumforschung und Landesplanung / Hannover, 2016, ISBN/ISSN 978-3-88838-405-9
[Klei20] Agora Verkehrswende, Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt e. V. , Klein-Hitpaß, Anne , Nobis, Claudia , Obersteller, Denise , Viertel, Fritz R. Städte in Bewegung. Zahlen, Daten, Fakten zur Mobilität in 35 deutschen Städten., 2020/05
[MeSc21] Messner, Dirk, Schubert, Tim Die Zukunft der Stadtmobilität, veröffentlicht in Mobilität der Zukunft. Intermodale Verkehrskonzepte, Springer Nature, 2021, Online-Referenz doi:10.1007/978-3-662-61352-8_3
[WBGU16] Frauke Kraas, Claus Leggewie, Peter Lemke, Ellen Matthies, Dirk Messner, Nebojsa Nakicenovic, Hans Joachim Schellnhuber, Sabine Schlacke, Uwe Schneidewind Der Umzug der Menschheit. Die transformative Kraft der Städte, Berlin, 2016, ISBN/ISSN 978-3-936191-44-8
[WiBMDV21] Wissenschaftlicher Beirat beim Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur Perspektiven für den Stadtverkehr der Zukunft. Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur, 2021/05/25
Glossar
Umweltverbund
Unter dem Begriff Umweltverbund wird die Kooperation der umweltfreundlichen Verkehrsmittel verstanden. Hierzu zählen die öffentlichen Verkehrsmittel (Bahn, Bus und Taxis), nicht motorisierte Verkehrsträger (Fußgänger und private oder öffentliche Fahrräder), sowie Carsharing und Mitfahrzentralen. Ziel ist es, Verkehrsteilnehmern zu ermöglichen, ihre Wege innerhalb des Umweltverbunds, anstatt mit dem eigenen Pkw, zurückzulegen. Zunehmend wird der Begriff Mobilitätsverbund genutzt.
Motorisierter Individualverkehr Als motorisierter Individualverkehr (MIV) wird die Nutzung von Pkw und Krafträdern im Personenverkehr bezeichnet. Der MIV, als eine Art des Individualverkehrs (IV), eignet sich besonders für größere Distanzen und alle Arten von Quelle-Ziel-Beziehungen, da dieser zeitlich als auch räumlich eine hohe Verfügbarkeit aufweist. Verkehrsmittel des MIV werden von einer einzelnen Person oder einem beschränkten Personenkreis eingesetzt. Der Nutzer ist bezüglich der Bestimmung von Fahrweg, Ziel und Zeit frei (örtliche, zeitliche Ungebundenheit des MIV).
Öffentlicher Personennahverkehr
Der öffentliche Personennahverkehr ist juristisch im Personenbeförderungsgesetz (PBefG) definiert. Laut Paragraf 8, Absatz 1 und 2 umfasst der ÖPNV "die allgemein zugängliche Beförderung von Personen mit Straßenbahnen, Obussen und Kraftfahrzeugen im Linienverkehr, die überwiegend dazu bestimmt sind, die Verkehrsnachfrage im Stadt-, Vorort- oder Regionalverkehr zu befriedigen". Taxen oder Mietwagen können dieses Angebot ersetzten, ergänzen oder verdichten.
Der Begriff ÖPNV bezieht sich in der Regel auf Strecken mit einer gesamten Reiseweite von weniger als 50 Kilometern oder einer gesamten Reisezeit von weniger als einer Stunde. Das in einer Stadt oder Region erforderliche Nahverkehrsangebot und dessen Eignung hinsichtlich Nachhaltigkeit und Klimaschutz wird in einem Nahverkehrsplan definiert und festgehalten.
Verkehrswende
Mit der Verkehrswende in Deutschland wird das Ziel verfolgt, den Verkehrssektor bis spätestens 2050 klimaneutral zu gestalten. Dazu sollen die anfallenden Treibhausgasemissionen möglichst vollständig vermieden und verbleibende Restemissionen durch die Entnahme von Treibhausgasen aus der Atmosphäre ausgeglichen werden. Die Verkehrswende lässt sich in zwei parallellaufende Entwicklungen gliedern: die Mobilitätswende und die Energiewende im Verkehr (auch Antriebswende genannt).
StVO Die Straßenverkehrsordnung  legt Regeln für sämtliche Straßenverkehrsteilnehmer fest und bildet somit eine Rechtsverordnung der Bundesrepublik Deutschland.
Elektromobilität
Die Elektrifizierung der Antriebe durch Batterie- und Brennstoffzellentechnologien. Im Kontext des "Nationalen Entwicklungsplans Elektromobilität" wird der Begriff auf den Straßenverkehr begrenzt. Hierbei handelt es sich insbesondere um Personenkraftwagen (Pkw) und leichte Nutzfahrzeuge, ebenso werden aber auch Zweiräder (Elektroroller, Elektrofahrräder) und Leichtfahrzeuge einbezogen.
Verkehrsaufkommen Das Verkehrsaufkommen beschreibt die Anzahl der zurückgelegten Wege, beförderten Personen oder Güter pro Zeiteinheit. Im Unterschied dazu bezieht sich das spezifische Verkehrsaufkommen auf zurückgelegte Wege und beschreibt die mittlere Anzahl der Ortsveränderungen pro Person und Zeiteinheit.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?590575

Gedruckt am Freitag, 4. April 2025 18:02:41