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Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf den Luftverkehrsmarkt

Erstellt am: 29.08.2023 | Stand des Wissens: 29.08.2023
Synthesebericht gehört zu:

Eine Pandemie hat weitreichende Auswirkungen auf alle Verkehrszweige. Die COVID-19-Pandemie wurde am 30. Januar 2020 von der WHO als PHEIC (Public Health Emergency of International Concern) eingestuft und mehr als drei Jahre später wurde dieser Status am 05. März 2023 letztlich aufgehoben [WHO23]. In diesem Zeitraum hat die COVID-19-Pandemie als beispielloses Extremereignis für drastische Einbrüche im Luftverkehrsmarkt gesorgt, von denen sich dieser im Jahr 2023 immer noch nicht vollständig erholt hat [ADV23]. Reisebeschränkungen, Lockdowns und Quarantänemaßnahmen haben zu einem massiven Rückgang des Passagierverkehrs und zu erheblichen wirtschaftlichen Herausforderungen für Fluggesellschaften, Flughäfen und andere Akteure in der Branche geführt.
Zu Beginn der COVID-19-Pandemie waren vor allem die Passagierflüge durch die staatlichen Maßnahmen betroffen. Im April 2020 sank die Zahl der Fluggäste an deutschen Flughäfen auf unter 300.000, was ein Minus von fast 99 Prozent gegenüber dem April des Vorjahres bedeutete. Die Anzahl an Starts und Landungen ist um fast 89 Prozent im Vergleich zum Vorjahresniveau eingebrochen [ADV23a]. Im April 2023 lag das Passagieraufkommen bei ungefähr 75 Prozent des Vorkrisenniveaus, wobei eine kontinuierliche Erholung in diesem Bereich zu erkennen ist [ADV23]. In Abbildung 1 ist exemplarisch das Passagieraufkommen am Flughafen München dargestellt.
Monatliche Anzahl Passagiere Muenchen.pngAbb. 1: Monatliche Anzahl der Passagiere am Flughafen München, November 2019 bis April 2023 [ADV23a] (Grafik zum Vergrößern bitte anklicken)
Im Güterverkehr traten durch Lockdown und Schließung der Grenzen Lieferschwierigkeiten auf, da ganze Lieferketten abrissen. Durch den Einbruch der Passagierluftfahrt standen auch die Frachträume für Gütertransport in den Passagiermaschinen nicht in gewohnter Weise zur Verfügung. So ist beispielsweise im April 2020 das Cargo-Aufkommen um fast 15 Prozent gefallen im Vergleich zum Vorjahresniveau [ADV23a]. Der Cargo-Verkehr erholte sich deutlich schneller als die gewerblichen Passagierflüge, sodass dieser bis Ende 2020 sogar teilweise über dem Vorkrisenniveau lag (siehe Abbildung 2).
Cargoverkehr Deutschland.pngAbb. 2: Cargoverkehr in Deutschland im Zeitraum vom Januar 2020 bis Dezember 2022 (An- und Abflüge) [ADV23b] (Grafik zum Vergrößern bitte anklicken)
Die Einführung von Reisebeschränkungen und der drastische Rückgang des Passagierverkehrs führten zu erheblichen finanziellen Schwierigkeiten für Fluggesellschaften weltweit. Während der COVID-19-Pandemie gerieten viele Airlines in eine wirtschaftliche Notlage und mussten infolgedessen Insolvenz anmelden [RND20a]. Eine zusätzliche ökonomische Belastung bestand beispielsweise aufgrund von Leerflügen Flüge ohne Passagiere oder Fracht. Diese Leerflüge werden durchgeführt, weil eine Fluglinie in der Regel mindestens 80 Prozent der ihr zugewiesenen Slots nutzen muss, da diese ansonsten in der darauffolgenden Saison neu verteilt werden. Dieser Wert wurde bedingt durch die COVID-19-Pandemie zeitweise auf 25 Prozent reduziert [TAGE22]. Die Leerflüge verursachten zusätzliche Kosten für Treibstoff, Crew und Flugzeugwartung, ohne dass Einnahmen aus Passagier- oder Frachtverkehr generiert wurden.

Die Reduzierung der Betriebszeiten an Flughäfen und das Streichen zahlreicher Flüge hatte nicht nur Auswirkungen auf die Fluggäste sondern auch auf die Beschäftigten der Flughafenbetreiber und Fluggesellschaften. Viele Angestellte, darunter Sicherheitspersonal, Bodenpersonal, Servicekräfte und Verwaltungspersonal, wurden entweder entlassen oder orientierten sich neu. Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft zeigt, dass im Jahr 2022 ungefähr 7.200 Fachkräfte an deutschen Flughäfen fehlten, sodass viele Flüge aufgrund von fehlendem Personal entweder mit starker Verspätung gestartet sind oder komplett gestrichen wurden [IW22].

Weltweit wurden staatliche Unterstützungsmaßnahmen und Hilfspakete bereitgestellt, um Airlines und Flughafenbetreiber während der Krise finanziell zu stabilisieren. Die deutsche Bundesregierung hat ein Rettungspaket in Höhe von neun Milliarden Euro für die Lufthansa aufgesetzt. Es umfasste sowohl staatliche Kredite als auch den Erwerb von Unternehmensanteilen [BURE20a]. Die Unterstützungsmaßnahmen waren allerdings umstritten, sodass das Gericht der europäischen Union diese Milliardenhilfe für nichtig erklärt hat [ZDF23]. Ein weiteres internationales Beispiel ist das Corona-Hilfspaket für Air France-KLM, welches Staatskredite und staatlichen Garantien in Milliardenhöhe von der französischen und niederländischen Regierung umfasste [AIRL20]. Auch in den USA wurden durch das Payroll Support Program in der gesamten Luftfahrtindustrie finanzielle Unterstützungsleistungen ermöglicht, wobei die Unternehmen verpflichtet waren, Finanzinstrumente wie Schuldscheine, Garantien oder Vorzugsaktien als angemessene Kompensation vorzulegen [USDT21].
Ansprechpartner
Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Institut für Volkswirtschaftslehre (ECON), Prof. Dr. Kay Mitusch
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Luftverkehrsmarkt (Stand des Wissens: 27.07.2023)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?116938
Literatur
[ADV23] Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen (ADV) e.V. (Hrsg.) ADV-Monatsstatistik April 2023, 2023
[ADV23a] Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen (ADV) e.V. (Hrsg.) ADV Monatsstatistik , 2023
[ADV23b] Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen (ADV) e.V. (Hrsg.) ADV-Monatsstatistik Dezember 2022, 2023
[AIRL20] airliners.de (Hrsg.) Air France/KLM kann mit staatlicher Milliardenunterstützung rechnen, 2020
[BURE20a] Bundesregierung (Hrsg.) Lufthansa Hilfspaket: "Das ist eine sehr, sehr gute Nachricht", 2020
[IW22] Institut der deutschen Wirtschaft Köln (Hrsg.) Fachkräftemangel: An Flughäfen fehlen 7.200 Beschäftigte, 2022
[RND20a] Redaktionsnetzwerk Deutschland (Hrsg.) Corona-Pandemie: Diese Airlines sind im Jahr 2020 verschwunden, 2020
[TAGE22] Tagesschau (Hrsg.) Airlines beklagen Zwang zu Leerflügen, 2022
[USDT21] Payroll Support Program Payments, 2021
[WHO23] World Health Organization (WHO) (Hrsg.) Coronavirus disease (COVID-19) pandemic, 2023
[ZDF23] Zweites Deutsches Fernsehen (Hrsg.) EU-Genehmigung ungültig:
Gericht: Freigabe für Lufthansa-Hilfe nichtig, 2023

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?574737

Gedruckt am Donnerstag, 18. April 2024 06:12:19