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Optimierung des Rettungswesens

Erstellt am: 16.09.2022 | Stand des Wissens: 27.02.2025

Synthesebericht gehört zu:

Die Optimierung des Rettungswesens ist eine komplexe und vielschichtige Aufgabe, deren Bedeutung mit zunehmender Bevölkerungsdichte, steigendem Verkehrsaufkommen und wachsendem Bedarf an qualifizierter Notfallversorgung weiter zunimmt und noch Verbesserungspotenzial beinhaltet. Ein effizient organisiertes Rettungswesen ist entscheidend, um die Überlebenschancen von Unfallopfern zu verbessern und die allgemeine Verkehrssicherheit zu erhöhen.
Das Notfall- und Rettungswesen wird als öffentliche Aufgabe der Länder von den Landkreisen und Gemeinden im Rahmen ihrer kommunalen Selbstverwaltung mit Unterstützung der haupt- und ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer der Hilfsorganisationen durchgeführt. Ein leistungsfähiges Rettungswesen ist die Grundlage für eine kompetente und schnelle Hilfe in Notfällen, wie beispielsweise bei Verkehrsunfällen.
Die Entwicklung des Rettungswesens ist geprägt von kontinuierlichen Verbesserungen mit dem Ziel, eine sichere und zuverlässige Organisation zu gewährleisten und damit Menschenleben zu retten. Zu den Meilensteinen zählen beispielsweise die bundesweite Einführung der Notrufnummern 110 und 112 am 20. September 1973 sowie deren vollständige Umsetzung bis Dezember 1979. Seit 2006 ermöglicht die Ortung von Mobiltelefonen in den Notrufzentralen der Feuerwehr und des Rettungsdienstes über die Notrufnummer 112 eine genauere Standortbestimmung, was die Reaktionsfähigkeit erhöht [BSS16]. Auch heute besteht ein kontinuierlicher Optimierungsbedarf im Rettungswesen, bedingt durch veränderte räumliche Strukturen (zum Beispiel Bevölkerungsverteilung und Infrastruktur), gesellschaftlichen Wandel und technologische Innovationen.
Die Digitalisierung eröffnet neue Potenziale zur Effizienzsteigerung im Rettungswesen. Moderne digitale Informationssysteme ermöglichen eine Echtzeitkommunikation zwischen Einsatzkräften und Krankenhäusern, so dass Patientendaten wie EKG-Werte, Vitalparameter und Verletzungsmuster schnell und präzise erfasst und übermittelt werden können. So kann die Klinik frühzeitig die notwendigen medizinischen Maßnahmen planen und die Reaktionszeit wird verkürzt. Für eine optimale Patientenversorgung ist es wichtig, dass der Rettungsdienst die Patienten an geeignete Krankenhäuser übergibt, die die notwendige Versorgung gewährleisten können. Dazu sind standardisierte Schnittstellen notwendig, die eine effiziente Datenübermittlung zwischen Rettungsdiensten und Krankenhäusern sowie eine Echtzeitübersicht über die Krankenhauskapazitäten ermöglichen [GKV, S. 13].
Neben der Digitalisierung tragen auch Fortschritte in der Fahrzeugtechnik wesentlich zur Verbesserung des Rettungswesens bei. Moderne Rettungsfahrzeuge sind mit Sicherheitssystemen und Fahrerassistenztechnologien ausgestattet, die das Unfallrisiko im Einsatz minimieren. Adaptive Geschwindigkeitsregler, Kollisionswarnsysteme und spezielle Navigationshilfen unterstützen die Einsatzkräfte dabei, sicher und schnell zum Einsatzort zu gelangen. Integrierte Telematiksysteme ermöglichen die Analyse von Standort und Verkehrssituation in Echtzeit und damit die Berechnung der schnellsten Route. Auch infrastrukturelle Maßnahmen wie Rettungsgassen und Ampelvorrangschaltungen tragen zur Effizienzsteigerung bei [HH21b]. Sensorbasierte Ampelsysteme erkennen Rettungsfahrzeuge und schalten automatisch auf Grün, was die Logistik im urbanen Raum erheblich erleichtert. Auch Künstliche Intelligenz wird zunehmend eingesetzt, um beispielsweise Verkehrsdaten zu analysieren und bei Staus Alternativrouten für Rettungsfahrzeuge zu ermitteln. Solche datenbasierten Systeme verbessern die Routenplanung und Ressourcenallokation und erhöhen damit die Effizienz der gesamten Rettungskette.
Die Versorgungsstrukturen im Rettungswesen sind bisher durch unterschiedliche gesetzliche Rahmenbedingungen geprägt, was zu ineffizienten Abläufen und Abstimmungsproblemen führt. Die Informations- und Technologie-Strukturen sind oft uneinheitlich und es fehlt ein systemübergreifender Datenaustausch zwischen Leitstellen, Rettungsdiensten, Krankenhäusern und der vertragsärztlichen Versorgung. Da der Rettungsdienst Ländersache ist, gibt es uneinheitliche Prozesse und Qualitätsstandards. Um diese Unterschiede abzubauen und eine effektivere Versorgung zu gewährleisten, sind neue gesetzliche Regelungen erforderlich.
Der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV), der die Interessen der Versicherten und Leistungserbringer im deutschen Gesundheitswesen vertritt, fordert in einem aktuellen Positionspapier eine umfassende Reform des Rettungswesens um bisher nicht genutzte Potenziale auszuschöpfen [GKV]. Die Eckpunkte umfassen:
  • Bundesweite Standards zur Vereinheitlichung von Strukturen und Qualitätsstandards,
  • Integrierte Rettungsleitstellen durch Zusammenführung der Notrufnummern 112 (Rettungsdienst) und 116117 (ärztlicher Bereitschaftsdienst) in gemeinsamen Leitstellen,
  • Transparenz der Krankenhauskapazitäten durch Echtzeit-Kapazitätsdaten über freie Betten,
  • standardisierte Ersteinschätzungsverfahren, die eine gezielte Zuweisung in die richtige Versorgungsstufe ermöglichen,
  • Integrierte Notfallzentren zur zentralen Bündelung der ambulanten und stationären Notfallversorgung,
  • Kostentrennung für Transport- und Vorhaltekosten zur Sicherstellung einer effizienten Finanzierung,
  • digitale Vernetzung und einheitliche Qualitätsanforderungen zur besseren Steuerung und Koordination.
Eine konkrete Maßnahme zur Verbesserung der Notfallkommunikation ist die Einführung des automatischen Notrufsystems eCall, das seit März 2018 für alle Neufahrzeuge in der Europäischen Union (EU) verpflichtend ist. Bei einem Unfall stellt eCall automatisch oder durch die Insassen eine Verbindung zur Notrufnummer 112 her und übermittelt Unfallort, Unfallauslöser und Fahrzeugdaten [ADAC24g]. Die EU-Kommission geht davon aus, dass die Rettungskräfte durch eCall doppelt so schnell am Unfallort sein können als bisher, was das Potenzial zur Lebensrettung weiter erhöht [EuUn15; ADAC24g].
Ansprechperson
Bauhaus-Universität Weimar, Professur Verkehrssystemplanung, Prof. Dr.-Ing. Plank-Wiedenbeck
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Vision Zero als strategisches Ziel der Verkehrssicherheit: Herausforderungen Mensch und Gesellschaft (Stand des Wissens: 27.02.2025)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?579780
Literatur
[ADAC24g] Allgemeiner Deutscher Automobil-Club e.V. (ADAC) eCall: So funktioniert der automatische Notruf im Auto, 2024
[BSS16] Björn Steiger Stiftung Historische Meilensteine, 2016/07/13
[EuUn15] Europäischen Union Verordnung 2015/758 des europäischen Parlamentes und des Rates, veröffentlicht in Amtsblatt der Europäischen Union , Ausgabe/Auflage L 123/77 , 2015/05
[GKV] GKV Spitzenverband Positionspapier Reform des Rettungsdienstes, veröffentlicht in Reform des Rettungsdienstes, Berlin, 2023/11/02
[HH21b] hamburg.de GmbH & Co. KG Einsatzfahrzeug-Priorisierung, 2021/10/05
Glossar
eCall
eCall (Kurzform von "emergency call") beinhaltet ein Notrufsignal, dass sowohl manuell als auch automatisch ausgelöst werden kann. Es sendet einen minimalen Datensatz (MSD) mit allen relevanten Informationen (u. a. den Standortdaten) an die zuständige Notrufzentrale. Diese kann einen Audiokanal zum Fahrzeug herstellen und erforderliche Notfallhilfsmaßnahmen einleiten.
Verkehrsaufkommen Das Verkehrsaufkommen beschreibt die Anzahl der zurückgelegten Wege, beförderten Personen oder Güter pro Zeiteinheit. Im Unterschied dazu bezieht sich das spezifische Verkehrsaufkommen auf zurückgelegte Wege und beschreibt die mittlere Anzahl der Ortsveränderungen pro Person und Zeiteinheit.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?557243

Gedruckt am Donnerstag, 3. April 2025 23:30:11