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Potenziale zur Verbesserung der Verkehrssicherheit aufgrund menschlichen Fehlverhaltens

Erstellt am: 16.09.2022 | Stand des Wissens: 27.02.2025

Synthesebericht gehört zu:

Die Verkehrssicherheit ist ein zentrales Anliegen moderner Gesellschaften, da Verkehrsunfälle jedes Jahr unzählige Menschenleben fordern und beträchtliche wirtschaftliche Schäden verursachen. In Europa und vielen anderen Regionen der Welt sind Unfälle im Straßenverkehr vorwiegend auf menschliches Fehlverhalten zurückzuführen. Statistiken zeigen, dass rund 90 Prozent der Verkehrsunfälle durch menschliche Fehler bedingt sind, darunter Unaufmerksamkeit, riskantes Verhalten oder das Fahren unter Einfluss von Alkohol oder anderen Substanzen [BMDV24ac]. Dies verdeutlicht, wie dringend Handlungsbedarf besteht, um menschliche Fehler zu reduzieren und so das hohe Potenzial zur Verbesserung der Verkehrssicherheit zu nutzen.
Im Koalitionsvertrag von 2018 hat sich die Bundesregierung mittelfristig der Vision Zero Verpflichtet [DeBu21f, S.102]. Diese Strategie steht auch im Einklang mit dem Strategischen Aktionsplan zur Straßenverkehrssicherheit der Europäischen Kommission, in deren Sinne die Zahl der Verkehrstoten in Deutschland bis 2030 um 40 Prozent reduziert und die Zahl der Schwerverletzten signifikant gesenkt werden soll [BMVI20be].
Die Verkehrssicherheitsstrategie Vision Zero unterstreicht das Ziel, Verkehrsunfälle und deren Auswirkungen soweit zu reduzieren, dass keine Toten oder Schwerverletzten mehr zu beklagen sind. Dies erfordert nicht nur eine verbesserte technische Infrastruktur und sicherere Fahrzeuge, sondern vor allem eine gezielte Adressierung des menschlichen Faktors, welcher als unvorhersehbares Element im Straßenverkehr gilt.
Menschliche Fehler können dabei sowohl auf individuelle Charakteristika wie Alter, Fahrkenntnisse und Persönlichkeitsmerkmale als auch auf die situative Verkehrskomplexität zurückgeführt werden. Junge, unerfahrene Fahrer neigen zum Beispiel häufiger zu riskanten Verhaltensweisen, während ältere Verkehrsteilnehmer durch altersbedingte Einschränkungen in der Wahrnehmung und Reaktionsgeschwindigkeit benachteiligt sein können [FSPV07, S. 12]. Hinzu kommen gesellschaftliche Normen und Einstellungen, die häufig regelkonformes Verhalten beeinflussen, wie etwa das gelegentlich geduldete Überschreiten von Geschwindigkeitsbegrenzungen oder die Handynutzung am Steuer. Der Mensch als Verkehrsteilnehmer bleibt damit eine komplexe, oft schwer vorhersehbare Variable innerhalb des Straßenverkehrssystems.
Der Handlungsbedarf ergibt sich aus dem Unfallgeschehen, der gesellschaftlichen Relevanz und den zukünftigen Herausforderungen der Mobilität. Verkehrssicherheitsarbeit ist dabei nicht nur retrospektiv zu beurteilen, sondern wird insbesondere auch in einer erfolgreichen Präventionsarbeit sichtbar. Bestenfalls begegnet man zukünftigen Gefahren, bevor sie sich in den Unfallzahlen niederschlagen.
Zur Minderung der durch menschliches Fehlverhalten bedingten Verkehrsunfälle bieten sich mehrere Handlungsfelder an, die auf präventive und kontrollierende Maßnahmen abzielen:
Verkehrssicherheit als Querschnittsaufgabe: Eine bessere Koordination und Verknüpfung zwischen Verkehrserziehung, Infrastrukturplanung, und Technologieentwicklung ist entscheidend, um ein sicheres Verkehrssystem zu schaffen. Dies umfasst die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Akteuren wie Behörden, Bildungseinrichtungen und Verkehrsplanern, die eine konsistente und aufeinander abgestimmte Verkehrssicherheitsarbeit gewährleisten können.
Ordnungsrechtliche Maßnahmen: Gesetzgebung und deren Durchsetzung sind entscheidend, um die Einhaltung von Vorschriften wie Geschwindigkeitsbegrenzungen, Alkohol- und Drogengrenzwerten sicherzustellen. Effektive Kontrollen und Sanktionen, etwa verstärkte Polizeipräsenz oder moderne Überwachungstechniken, könnten einen deutlichen Beitrag zur Verkehrssicherheit leisten.
Verkehrsunfallprävention durch Aufklärung und Erziehung: Verkehrssicherheitskampagnen und -programme sollen Verkehrsteilnehmer für die Risiken und Folgen ihres Verhaltens sensibilisieren. Diese Bildungsmaßnahmen sind besonders effektiv, wenn sie frühzeitig ansetzen und auf spezifische Risikogruppen zugeschnitten sind, wie etwa junge Fahrende oder ältere Verkehrsteilnehmende.
Fahrzeugtechnik: Moderne Technologien und Fahrerassistenzsysteme wie Notbremsassistenten, Spurhaltehilfen und Abstandswarner können das Fehlerrisiko bei der Fahrzeugführung minimieren. Durch die kontinuierliche Entwicklung solcher Systeme wird das Unfallrisiko gesenkt und die Verkehrssicherheit nachhaltig verbessert.
Optimierung des Rettungswesens: Schnelle und effektive Hilfe im Falle eines Unfalls kann die Schwere der Folgen deutlich reduzieren. Der Ausbau und die Vernetzung von Rettungsdiensten, kombiniert mit modernster Kommunikationstechnik, tragen dazu bei, dass Unfallopfer schnell und effektiv versorgt werden können.
Diese Potenziale und Strategien bieten somit vielseitige Ansätze, um die Sicherheit im Straßenverkehr zu erhöhen und den Einfluss menschlichen Fehlverhaltens nachhaltig zu verringern.
Ansprechperson
Bauhaus-Universität Weimar, Professur Verkehrssystemplanung, Prof. Dr.-Ing. Plank-Wiedenbeck
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Vision Zero als strategisches Ziel der Verkehrssicherheit: Herausforderungen Mensch und Gesellschaft (Stand des Wissens: 27.02.2025)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?579780
Literatur
[BMDV24ac] Bundesministerium für Digitales und Verkehr, Invalidenstraße 44, D-10115 Berlin, Deutscher Verkehrssicherheitsrat (DVR) e.V., Jägerstraße 67-69, D-10117 Berlin (Hrsg.) Die häufigsten Unfallursachen , 2024/07/31
[BMVI20be] Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (Hrsg.) Gemeinsame Strategie für die Verkehrssicherheitsarbeit in Deutschland 2021-2030, 2020
[DeBu21f] Deutscher Bundestag Vision Zero, Unser Leitbild für die Verkehrssicherheit: Drucksache des deutschen Bundestages 19/29766, 2021/05/18
[FSPV07] Fussverkehr Schweiz, Pro Velo Schweiz Fuss- und Veloverkehr auf gemeinsamen Flächen, 2007

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?557238

Gedruckt am Donnerstag, 3. April 2025 21:32:26