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Fähigkeiten und Verhaltensweisen nach Verkehrsmittel

Erstellt am: 16.09.2022 | Stand des Wissens: 27.02.2025

Synthesebericht gehört zu:

Die Wahl des Verkehrsmittels hat einen entscheidenden Einfluss auf die Verkehrssicherheit, da jedes Verkehrsmittel spezifische Anforderungen an die Fähigkeiten und das Verhalten der Verkehrsteilnehmenden stellt. Während motorisierte Fahrzeuge wie Autos und Motorräder technische und kognitive Fähigkeiten erfordern, sind nichtmotorisierte Verkehrsteilnehmende wie Radfahrende und zu Fuß Gehende stärker von ihrer Umwelt abhängig und anderen Risikofaktoren ausgesetzt.
Die Big Five der Persönlichkeit bieten wertvolle Einblicke in das unterschiedliche Verhalten von Verkehrsteilnehmenden [KaGe23, S.15].Während Gewissenhaftigkeit tendenziell mit sichererem Verhalten korreliert, können Extraversion und Neurotizismus risikoreicheres Verhalten oder Stress im Straßenverkehr fördern.
Autofahrende sind im Vergleich zu anderen Verkehrsteilnehmenden am häufigsten in Unfälle verwickelt. Dies liegt auch daran, dass der Pkw das meistgenutzte Verkehrsmittel in Deutschland ist [RTho24].
Autofahrende sind durch ihre Fahrzeuge relativ gut geschützt, aber ihr Verhalten ist entscheidend für die Verkehrssicherheit. Zum einen ist unangepasste Geschwindigkeit die häufigste Todesursache im Straßenverkehr [BMDV24ah], zum anderen waren im Jahr 2019 nahezu alle Fahrzeugnutzenden angegurtet. Die Gesamtsicherungsquote von erwachsenen Pkw-Nutzenden lag im Mittel über alle Ortslagen (Autobahnen, Landstraßen, Innerorts) bei 99 Prozent, bei Kindern sogar bei 99,9 Prozent. [BMDV21ca, S.30].
Unfälle mit Pkw sind häufig schwerer als Unfälle mit anderen Verkehrsmitteln. Hier spielen Fahrkönnen, Fahrzeugbeherrschung und vorausschauendes Fahren eine große Rolle. Auch die Persönlichkeit hat einen wesentlichen Einfluss auf das Fahrverhalten [KaGe23, S.15]:
Gewissenhaftigkeit zeigen sich durch ein defensives und vorsichtiges Fahrverhalten mit einem hohen Maß an Selbstkontrolle und Verantwortungsbewusstsein. Personen mit diesem ausgeprägten Merkmal halten sich an Geschwindigkeitsbegrenzungen und fahren selten unter Alkoholeinfluss.
Extravertierte Autofahrende neigen zu impulsivem Verhalten, das sich in schnellerem Fahren und riskanteren Überholmanövern äußern kann.
Neurotizismus beschreibt das häufige Erleben von Anspannung, Nervosität, Unsicherheit und Ängstlichkeit, daraus kann eine schnelle, dynamische Fahrweise resultieren oder auch ein vorsichtiger Fahrstil. Diese Personen können anfälliger für Unfälle aufgrund von Angstreaktionen oder Überforderung sein.
Verträglichkeit geht mit einem verständnis- und rücksichtsvollen, kooperativen und empathischen Verhalten einher, welches mit einem niedrigen Unfallrisiko assoziiert wird.
Aufgeschlossene Persönlichkeiten hingegen neigen möglicherweise eher dazu, neue Technologien wie Elektroautos oder selbstfahrende Fahrzeuge auszuprobieren und zu nutzen, was sich positiv auf die Verkehrssicherheit auswirken könnte, da diese Technologien häufig sicherer gestaltet sind.
Radfahrende bewegen sich hauptsächlich auf dem direkten Weg zum Ziel und meist auf der Fahrbahn [Fuss07, S. 13]. Zudem nehmen sie eine Zwischenstellung im Verkehr ein, da sie schneller als Zu Fuß Gehende, aber langsamer und verletzlicher als Autofahrende sind, da sie keine schützende Fahrzeugkarosserie haben. Ihre Sicherheit hängt stark von ihrer Erfahrung und ihrer Fähigkeit ab, komplexe Verkehrssituationen wahrzunehmen und angemessen zu reagieren.
Mögliche Sicherheitsausrüstungen wie das Tragen eines Helms sind in allen Altersgruppen unterrepräsentiert. Im Jahr 2023 trugen über alle Altersgruppen hinweg 44,4 Prozent der Radfahrenden einen Schutzhelm. Mit zunehmendem Alter nimmt die Helmtragequote ab. Bis zum Alter von 10 Jahren tragen heute fast alle Kinder einen Helm (82,8 Prozent). Mit zunehmendem Alter sinkt die Helmtragequote, bis sie ab dem 22. Lebensjahr wieder ansteigt und in den höheren Altersgruppen mit 46,4 Prozent wieder einen vergleichsweise höheren Wert erreicht (Abbildung 1) [Surg23]. Vor allem Radfahrende, die eine hohe Gewissenhaftigkeit aufweisen, tragen eher Schutzkleidung (zum Beispiel Helm) und halten sich eher an die Verkehrsregeln.
04.2_Sb_Fahrradheldmnutzung.pngAbb. 1: Fahrradhelmnutzung nach Altersgruppen - innerorts [Surg23]
Die Intuition führt zu einem sichereren und kräfteschonenderen Verhalten der Radfahrenden, beispielsweise zur Vermeidung von Steigungen und Fahrtunterbrechungen. Dabei werden viele Verkehrszeichen weniger beachtet, da sie sich vermeintlich hauptsächlich an den motorisierten Verkehr richten. Dadurch und durch das fehlende Nummernschild ist die Hemmschwelle für Regelverstöße niedriger als beim Pkw [Fuss07, S. 13]. Zudem werden Regelverstöße sehr selten geahndet. Dies hängt mit der subjektiven Risikoeinschätzung zusammen, da Radfahrende in den meisten Fällen ihre eigene Sicherheit riskieren und sich in Risikosituationen häufig in einer schwächeren Position befinden. Insbesondere extravertierte Radfahrende sind risikobereiter. 
Bei Begegnungen zwischen Fuß- und Radverkehr verhalten sich die beiden nicht motorisierten Verkehrsgruppen untereinander anders als bei Begegnungen mit motorisierten Fahrzeugen [Fuss07, S. 11]. Radfahrende bewerten die Verkehrssicherheit und die Nutzungsqualität von Gemeinschaftsflächen häufig positiver als zu Fuß Gehende.
Aus den Nutzungsansprüchen des Fuß- und Radverkehrs ergeben sich Zielkonflikte für die gemeinsame Führung beider Verkehrsarten. Darüber hinaus ist der moderne Radverkehr durch ein sich ständig erweiterndes Fahrzeugspektrum gekennzeichnet. Insbesondere im E-Bike-Segment kommen stetig neue Fahrzeuge hinzu, deren zunehmende Nutzung zu einer weiteren Erhöhung der Fahrgeschwindigkeiten im Radverkehr führen wird. Zudem stellen die größeren Schleppkurven von Lastenrädern und Fahrradgespannen neue Anforderungen an die Radverkehrsinfrastruktur, was zu Konflikten bei der gemeinsamen Führung beider Verkehrsarten führt. Während sich der Fußverkehr durch schnell und mit geringem Abstand überholende Radfahrende gestört fühlt, kann der Radverkehr durch langsam und in Gruppen nebeneinander gehende Personen behindert werden.
Der Fußverkehr als schwächste Verkehrsgruppe benötigt einen eigenen Schutzraum, um sich gefahrlos fortbewegen zu können [KlWe22]. Der Fußverkehr folgt einem intuitiven Verhalten, das heißt der Weg wird situationsabhängig gewählt [Fuss07, S. 11]. Zu Fuß Gehende haben den Vorteil, dass sie direkt mit der Umwelt interagieren und diese oft besser wahrnehmen können als andere Verkehrsteilnehmende. Sie sind aber auch die am stärksten gefährdete Gruppe im Straßenverkehr, da sie nicht durch ein Fahrzeug geschützt sind. Kinder und ältere Menschen sind zu Fuß besonders gefährdet, da Kinder entwicklungsbedingt Verkehrssituationen schlechter einschätzen können [BMDV06] und ältere Menschen häufig unter altersbedingten Einschränkungen wie verlangsamten Reaktionszeiten oder eingeschränkter Mobilität leiden.
Zu Fuß Gehende handeln intuitiv aus dem Unterbewusstsein heraus, da einerseits Abläufe im Verkehrsgeschehen habitualisiert ablaufen und andererseits spontane Entscheidungen das Verhalten bestimmen. Daraus ergeben sich unvorhersehbare Gefahrensituationen im Zusammenwirken der Verkehrsgruppen. [Fuss07, S. 11].
Stärker als andere Verkehrsarten lässt sich der Fußverkehr in Alltags- und Freizeitverkehr unterscheiden. Der Alltagsverkehr zu Fuß dient in erster Linie der Erreichung von Zielen. Der Aufenthalt spielt dabei eine untergeordnete Rolle, während im Freizeitverkehr der Aufenthalt das wesentliche Kriterium darstellt. Aufenthaltsqualitäten für den Fußverkehr spiegeln sich unter anderem im ungestörten Gehen und Flanieren sowie in der freien Bewegung von Kindern wider. In der Freizeit sind Gehende häufiger in Gruppen unterwegs. Dabei bestimmt die angrenzende Nutzung, ob sich die Aufenthaltsansprüche an bestimmten Orten konzentrieren [Enke22].
Auf Gehflächen ist der Fußverkehr durch Verkehrsregeln kaum beeinflussbar. Erst wenn eine Straßenquerung bevorsteht, ändert sich das Verhalten und sie nehmen sich stärker als Verkehrsteilnehmende wahr, richten ihre Aufmerksamkeit vermehrt auf das Verkehrsgeschehen und passen ihr Verhalten an [Fuss07, S. 11].
Ansprechperson
Bauhaus-Universität Weimar, Professur Verkehrssystemplanung, Prof. Dr.-Ing. Plank-Wiedenbeck
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Vision Zero als strategisches Ziel der Verkehrssicherheit: Herausforderungen Mensch und Gesellschaft (Stand des Wissens: 27.02.2025)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?579780
Literatur
[BMDV06] TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike Fähigkeiten von Kindern und Jugendlichen zur sicheren Verkehrsteilnahme, 2006/05
[BMDV21ca] Bundesministerium für Digitales und Verkehr (Hrsg.) Bericht der Bundesregierung über Maßnahmen auf dem Gebiet der Unfallverhütung im Straßenverkehr 2018 und 2019 (Unfallverhütungsbericht 2018/2019), 2021/01/14, Online-Referenz https://dserver.bundestag.de/btd/19/261/1926135.pdf, ISBN/ISSN 0722-8333
[BMDV24ah] Bundesministerium für Digitales und Verkehr, Invalidenstraße 44, D-10115 Berlin (Hrsg.) Die häufigsten Unfallursachen, 2024/07/31
[Enke22] Dipl.-Ing. Enke, Markus Fuß- und Radverkehr auf gemeinsamen Flächen - (wie) geht das?, 2022/10, Online-Referenz https://verlag.fgsv-datenbanken.de/media/upload/tagungsbaende/FGSV_001_28/FGSV_001_28-10.pdf
[Fuss07] Fussverkehr Schweiz, , Pro Velo Schweiz, Zürich und Bern 2007 (Hrsg.) Fuss- und Veloverkehr auf gemeinsamen Flächen - Empfehlungen für die Eignungsbeurteilung, Einführung, Organisation und Gestaltung von gemeinsamen Flächen in innerörtlichen Situationen, 2007
[KaGe23] Karthaus, Melanie , Getzmann, Stephan , Wascher, Edmund , Graas, Fabian , Rudinger, Georg Die Entwicklung verkehrssicherheitsrelevanter Personenmerkmale im höheren Lebensalter und ihre Einflussfaktoren - Erste Querschnittsanalysen aus der Dortmunder-Bonner-Längsschnittstudie (DoBoLSiS), veröffentlicht in Mensch und Sicherheit, Ausgabe/Auflage M336, 2023/02/10, Online-Referenz https://bast.opus.hbz-nrw.de/opus45-bast/frontdoor/deliver/index/docId/2746/file/M336+Gesamtversion+BF.pdf, ISBN/ISSN 978-395606-724-2
[KlWe22] Klein, Tobias, Weber, Thomas Rad- und Fußverkehr auf gemeinsamen Flächen , 2022/04/04, Online-Referenz https://publish.fid-move.qucosa.de/api/?tx_dpf%5Bqid%5D=qucosa%3A82112&tx_dpf%5Baction%5D=attachment&tx_dpf%5Battachment%5D=ATT-0
[RTho24] R., Thomas Unfallstatistik: Verkehrsunfälle in Deutschland, 2024/08/19
[Surg23] Surges, Fabian Gurte, Kindersitze, Helme und Schutzkleidung - 2023, 2023

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?557223

Gedruckt am Donnerstag, 3. April 2025 17:02:48