Forschungsinformationssystem des BMVI

zurück Zur Startseite FIS

Modernisierungsbedarf der kommunalen Verkehrsinfrastruktur im Zeichen von Digitalisierung und Verkehrswende

Erstellt am: 07.01.2021 | Stand des Wissens: 07.01.2021
Synthesebericht gehört zu:
Ansprechpartner
Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Institut für Volkswirtschaftslehre (ECON), Prof. Dr. Kay Mitusch

Klimaziele, Emissionsgrenzen, aber auch der technische Fortschritt werden die Rahmenbedingungen, unter denen die Mobilität der Zukunft gestaltet werden kann, verändern. Bis zum Jahr 2050 soll der Verkehr klimaneutral werden. Hinzu kommen weitere Ziele im Rahmen einer Verkehrswende, die eine Reduktion des Kraftfahrzeugverkehrs in den Städten bedingen. Hierdurch ergeben sich neue Herausforderungen, aber auch Chancen für die kommunale Verkehrsinfrastruktur.
Der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) wird, um eine Verlagerung weg vom motorisierten Individualverkehr zu ermöglichen, auf Kapazitäts- und Qualitätsverbesserungen sowie Tarifanpassungen angewiesen sein. Außerdem sind für die Digitalisierung und Elektrifizierung der Fahrzeugflotten Mehrkosten zu erwarten. [UBA10r]
Auch im Bereich der kommunalen Straßeninfrastruktur wird die Verkehrswende Veränderungen auslösen. Dazu gehören die Neuordnung des Verkehrsraums zugunsten des Rad- und Fußverkehrs, aber auch Anforderungen von elektrischen und gegebenenfalls autonom fahrenden Fahrzeugen, wie etwa einer flächendeckenden Ladeinfrastruktur. Außerdem muss die Infrastruktur der steigenden Multimodalität gerecht werden können, indem sie das Miteinander der verschiedenen Verkehrsmittel im Straßenraum ermöglicht und durch Vernetzung fördert. [DST19a, S.5]
Neben den Anpassungen der Verkehrsinfrastruktur muss auch die Regional- und Stadtentwicklung stärker nach dem Leitbild der Stadt der kurzen Wege gestaltet werden. Dieses Konzept erfordert, dass alltägliche Wege ohne Auto in kurzer Zeit zu bewältigen sind. Wohnraumverdichtung und die Multifunktionalität von Stadtquartieren (zum Beispiel stärkere Durchmischung von Wohn- und Gewerbenutzung) sind hierbei wichtige Elemente. [UBA11c, S.20]
Neben steigenden Anforderungen ergeben sich zukünftig aber auch neue Chancen. Durch eine Verringerung des innerstädtischen Individualverkehrs erhöht sich die Lebensqualität der Bewohner. Geringere Schadstoffbelastungen, weniger Lärm und mehr Sicherheit tragen hierzu bei. Die aktuell für den ruhenden motorisierten Individualverkehr reservierten Parkflächen ließen sich neu nutzen.
Im ÖPNV zeigen sich zusätzliche Einsparpotenziale im Zuge der Modernisierung. Die Nutzung von Echtzeitdaten ermöglicht es, durch Predictive Maintenance, also einer vorausschauenden, proaktiven Wartung, die Wartungsintervalle der Flotte zu optimieren. Fahrpläne können effizienter gestaltet und die Kapazität der Fahrzeuge der Nachfrage besser angepasst werden. Zunächst werden diese Daten lediglich dazu genutzt, statische Fahrpläne zu verbessern; langfristig wäre es möglich, Fahrplane in Echtzeit anzupassen. Trotz momentan deutlich höherer Anschaffungskosten werden durch die Elektrifizierung die Personal-, Energie- und Wartungskosten langfristig sinken. Autonom gesteuerte Fahrzeuge werden nochmals stark Personalkosten einsparen, Betriebsabläufe effizienter gestalten und die Sicherheit erhöhen. [RBSC19, S.6ff]
Ansprechpartner
Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Institut für Volkswirtschaftslehre (ECON), Prof. Dr. Kay Mitusch
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Kommunale Verkehrsinfrastruktur: Finanzierungsbedarf und -quellen und institutionelle Reformoptionen (Stand des Wissens: 07.01.2021)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?516030
Literatur
[DST19a] Deutscher Städtetag (Hrsg.) Zusammenhalt in den Städten stärken, nachhaltige Mobilität forcieren und mehr bezahlbaren Wohnraum schaffen, 2019/02
[RBSC19] Roland Berger Strategy Consultants GmbH (Hrsg.) Öffentlicher Nahverkehr kann durch neue Technologien deutlich rentabler werden, 2019
[UBA10r] Umweltbundesamt (Hrsg.) CO2-Emissionsminderung im Verkehr in Deutschland, 2010
[UBA11c] Umweltbundesamt (Hrsg.) Leitkonzept - Stadt und Region der kurzen Wege, 2011
Glossar
Motorisierter Individualverkehr Als motorisierter Individualverkehr (MIV) wird die Nutzung von Pkw und Krafträdern im Personenverkehr bezeichnet. Der MIV, als eine Art des Individualverkehrs (IV), eignet sich besonders für größere Distanzen und alle Arten von Quelle-Ziel-Beziehungen, da dieser zeitlich als auch räumlich eine hohe Verfügbarkeit aufweist. Verkehrsmittel des MIV werden von einer einzelnen Person oder einem beschränkten Personenkreis eingesetzt. Der Nutzer ist bezüglich der Bestimmung von Fahrweg, Ziel und Zeit frei (örtliche, zeitliche Ungebundenheit des MIV).
Öffentlicher Personennahverkehr
Der öffentliche Personennahverkehr ist juristisch im Personenbeförderungsgesetz (PBefG) definiert. Laut Paragraf 8, Absatz 1 und 2 umfasst der ÖPNV "die allgemein zugängliche Beförderung von Personen mit Straßenbahnen, Obussen und Kraftfahrzeugen im Linienverkehr, die überwiegend dazu bestimmt sind, die Verkehrsnachfrage im Stadt-, Vorort- oder Regionalverkehr zu befriedigen". Taxen oder Mietwagen können dieses Angebot ersetzten, ergänzen oder verdichten.
Der Begriff ÖPNV bezieht sich in der Regel auf Strecken mit einer gesamten Reiseweite von weniger als 50 Kilometern oder einer gesamten Reisezeit von weniger als einer Stunde. Das in einer Stadt oder Region erforderliche Nahverkehrsangebot und dessen Eignung hinsichtlich Nachhaltigkeit und Klimaschutz wird in einem Nahverkehrsplan definiert und festgehalten.
Verkehrswende
Mit der Verkehrswende in Deutschland wird das Ziel verfolgt, den Verkehrssektor bis spätestens 2050 klimaneutral zu gestalten. Dazu sollen die anfallenden Treibhausgasemissionen möglichst vollständig vermieden und verbleibende Restemissionen durch die Entnahme von Treibhausgasen aus der Atmosphäre ausgeglichen werden. Die Verkehrswende lässt sich in zwei parallellaufende Entwicklungen gliedern: die Mobilitätswende und die Energiewende im Verkehr (auch Antriebswende genannt).

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?516061

Gedruckt am Mittwoch, 28. Februar 2024 21:11:14