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Best Practice - Beispiele für die praktische Umsetzung von Mobilitätsmanagement

Erstellt am: 23.04.2014 | Stand des Wissens: 25.10.2022
Synthesebericht gehört zu:
Ansprechpartner
Institut für Mobilitäts- und Stadtplanung, Universität Duisburg-Essen, Prof. Dr.-Ing. Dirk Wittowsky
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike

Die Planung und Umsetzung von Maßnahmen(-paketen) des Mobilitätsmanagements ist individuell an den topographischen, wirtschaftlichen, infrastrukturellen und sozialen Voraussetzungen der jeweiligen Standorte (Städte, Kommunen, Gemeinden, Regionen) auszurichten. Ansässige Großunternehmen und Pendlerverflechtungen sind ebenso zu berücksichtigen wie die sozialstrukturelle und demographische Zusammensetzung der Zielgruppe(n). Diese individuellen Voraussetzungen erschweren eine allgemeingültige Übertragbarkeit von Maßnahmen(-pakete) auf andere Standorte. Sie können jedoch Ansatzpunkte und Inspiration für die Entwicklung passgenauer, eigener Maßnahmen darstellen und aufzeigen, welchen Beitrag Mobilitätsmanagement für eine nachhaltigere Mobilität leisten kann.

Kommunales Mobilitätsmanagement
"Gscheid Mobil!" ist ein Beispiel eines kommunalen Mobilitätsmanagements und eine gemeinsame Kooperation zwischen der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) und dem Kreisverwaltungsreferat der Stadt München (KVR). Neubürger erhalten ein kostenloses Informationsangebot zum Thema Mobilität und Verkehr in München [Muen19]. Darüber hinaus erhalten sie im Anschluss die Möglichkeit einer individuellen Beratung [HöMü12].
Das Zukunftsnetz Mobilität NRW ist eine Initiative des Ministeriums für Verkehr des Landes Nordrhein-Westfalen und hat die Aufgabe, die Städte, Kreise und Gemeinden bei der nachhaltigen Mobilitätsentwicklung und dem Aufbau eines kommunalen Mobilitätmanagements zu unterstützen. Hierfür wurden landesweit vier regionale Koordinierungsstellen eingerichtet, die bei den Verkehrsverbünden angesiedelt sind und konkrete Beratungs- und Umsetzungsangebote (u.a. zum BMM) für die Kommunen bereithalten [ZNM20 ].

Mobilitätsmanagement an Schulen
Die Stadt Dortmund hat mit dem Programm So läuft das im Austausch mit Kindertageseinrichtungen, weiteren Akteuren und einem externen Beratungsbüro Maßnahmen für eine umweltfreundliche Mobilität im schulischen Kontext entwickelt und an ausgewählten Grundschulen erprobt. Die gewonnenen Erkenntnisse werden nun mit etwaigen Anpassungen auf Kindertageseinrichtungen, weiterführende Schulen und Berufskollegs übertragen. Mit einem Mobilitätsmanagement für Schulen und Kindertageseinrichtungen soll schon früh ein nachhaltiges Mobilitätsverhalten durch klimafreundliche Verkehrsmittel eingeübt werden [StDo22]. Zentral für das Dortmunder Modell sind unter anderem das Verständnis für Motive und Sorgen im Zusammenhang mit Mobilität sowohl bei Kindern als auch Eltern, die Beteiligung der Kinder, Eltern und weiteren Akteure bei der Suche nach Lösungsmöglichkeiten, sowie die unmittelbare Umsetzung von günstigen Lösungen (vgl. [StDo22 ]. Zu den Maßnahmen an Grundschulen zählen die Beratungen zu Schulwegplänen, Hol- und Bringzonen, die Umsetzung von Maßnahmen wie der Walking-Bus sowie Beschilderungen und Markierungen [StDo22a]. Aus der Erprobung von Mobilitätsmanagementbausteinen an weiterführenden Schulen und Berufskollegs, unter anderem Schulumfeldanalysen, (Rad-)Schulwegpläne und Beratungsangeboten zur dauerhaften Verankerung des Themas der nachhaltigen Mobilität, sollen im Nachgang Handlungsleitfäden erarbeitet werden [StDo22a].

Betriebliches Mobilitätsmanagement
Ein überbetrieblicher Ansatz mit wachsender Teilnehmerzahl ist die Initiative "Mit dem Rad zur Arbeit" vom Allgemeinen Deutschen FahrradClub (ADFC) und den Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK). Die Aktion ermutigt Pendler über die Sommermonate regelmäßig mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren. In einem Online-Tool trägt jeder Teilnehmer seine Radfahrtage ein. Zwischen April und September muss an mindestens 20 Tagen geradelt werden. Anschließend werden attraktive Preise verlost. "Um Mitarbeiter für die Nutzung von Fahrrädern auf ihren täglichen Arbeitswegen zu motivieren," hat das Unternehmen Sympatex, das Hightech-Funktionsmaterialien in Unterföhring bei München produziert, im Jahr 2015 an der AOKAktion teilgenommen. "Bei Sympatex stieß der Wettbewerb auf großes Interesse. Der Anteil der Radfahrer hat sich in den Sommermonaten verdoppelt. Durch eine bessere Planung von Langstreckenreisen und Fahrgemeinschaften konnten 95,3 t CO2 eingespart werden." (vgl. [DIHK16], S. 13).
Wohnstandortbezogenes Mobilitätsmanagement
Das wohnstandortbezogene Mobilitätsmanagement bezieht sich auf Wohngebiete oder auf Bestände von Immobilienunternehmen. Die Bielefelder Gesellschaft für Wohnen und Immobiliendienstleistungen (BWG) bietet in Kooperation mit dem örtlichen Mobilitätsdienstleister "moBiel" seinen Mietern ein sogenanntes "Mieterticket" an. Bestimmte Abonnements können so mit einem Rabatt von 10 Prozent erworben werden [BGW16]. Mobilitätsmanagement kann dabei sowohl in Neubau- als auch bestandquartieren implementiert werden. Ein Beispiel für den Einsatz von Mobilitätsmanagement in Bestandquartieren ist das Projekt Gartenstadt Farmsen in Hamburg. Durch die Verknüpfung verschiedener Einzelmaßnahmen, unter anderem einem barrierefreien Fußwegenetz, Fahrradboxen, -keller und -bügel, einer Fahrradwerkstadt, multifunktionalen Unterstellmöglichkeiten für Fahrräder, Rollstühle, Gehwagen und Kinderwagen, Carsharing und E-Bikesharing, einer gute ÖPNV-Anbindung, Beratungsangebote für Mieter und Mieterinnen und Hilfe bei eingeschränkter Mobilität, wird den Mieterinnen und Mietern ein attraktives Mobilitätsangebot alternativ zum eigenen Pkw angeboten [VCD22].

Weiteres zielgruppen- und standortspezifisches Mobilitätsmanagement
Das zielgruppenspezifische Mobilitätsmanagement zeichnet sich häufig durch die Fokussierung auf bestimmte Altersgruppen aus. Es kann gleichzeitig auch an bestimmte Standorte gekoppelt sein z.B. bei der Neubürger- oder Touristenberatung. 
Das Projekt "Mobi-kids" der Verkehrs-Aktiengesellschaft (VAG) in Nürnberg ist ein speziell auf Kinder und Jugendliche zugeschnittenes Informationsangebot. Dabei werden Unterrichtsmaterialien zum ÖPNV bereitgestellt, die über Mobilität und ÖPNV informieren und das Lesen von Fahr- und Netzplänen vermitteln. Somit soll Kindern und Jugendlichen die selbstständige und unabhängige Nutzung des ÖPNV erleichtert werden [VAG14, VAG17a, VAG17].
Mit dem "Aktiv60Ticket" der Kölner Verkehrsbetriebe (KVB) wird gezielt ein Angebot für "Junggebliebene ab 60 Jahren" geschaffen. Mittels des Tickets sollen ältere Menschen davon überzeugt werden, dass auch ohne das Auto Ziele mit Bus und Bahn bequem erreicht werden können [VRS17].

Mobilitätszentralen
Mobilitätszentralen, wie zum Beispiel die Mobilitätszentrale Frankfurt/Main ("Verkehrsinsel an der Hauptwache") bieten Mobilitätsberatungen vor Ort an. Zum Serviceangebot der Mobilitätszentralen gehören meist die Reiseplanung, Auskunft, Verkauf und Beratung zu Tickets als auch Informations- und Kartenmaterial zu Freizeitaktivitäten im Umland.
Weiterhin werden von Verkehrsbetrieben häufig Schnuppertickets angeboten, mit denen zu günstigen Konditionen für begrenzte Zeiträume die Vorteile eines Dauertickets genutzt werden können. Dadurch sollen insbesondere Gelegenheitsfahrer als Stammkunden gewonnen werden.
Ansprechpartner
Institut für Mobilitäts- und Stadtplanung, Universität Duisburg-Essen, Prof. Dr.-Ing. Dirk Wittowsky
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Mobilitätsmanagement (Stand des Wissens: 25.10.2022)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?20082
Literatur
[BGW16] Bitte einsteigen - das BGW-Mieterticket!, 2016/02
[DIHK16] DIHK Service GmbH (Hrsg.) Praxisleitfaden Betriebliches Mobilitätsmanagement, 2016
[HöMü12] Roland Hösl, Ulfried Müller Betriebliches Mobilitätsmanagement der Landeshauptstadt München, veröffentlicht in Klimaschutz und Unternehmen. Praktische Ansätze der Kommunen zur Förderung nachhaltigen Wirtschaftens, 2012
[Muen19] Landeshauptstadt München - Kreisverwaltungsreferat, Landeshauptstadt München, Kreisverwaltungsreferat (KVR), Hauptabteilung III Straßenverkehr, Verkehrsmanagement, Mobillität und Stadtentwicklung (Hrsg.) Mobilitätsberatung für Neubürger, 2019
[StDo22] Stadt Dortmund (Hrsg.) Mobilitätsmanagement an Kitas und Schulen , 2022
[StDo22a] Stadt Dortmund (Hrsg.) Mobilitätsmanagement an Schulen, 2022
[VAG14] Kids unterwegs
Informationen zur Mobilitätserziehung von Vorschulkindern
für Erzieherinnen und Erzieher, 2014/06
[VAG17] MOBI-KIDS - Einsteigen bitte! Mit Gaby die VAG erleben, 2017/01
[VAG17a] MOBIKIDS Einsteigen bitte! Mit Alex die VAG erleben., 2017/01
[VCD22] Verkehrsclub Deutschland (VCD) e. V. (Hrsg.) Gartenstadt Farmsen in Hamburg, 2022
[VRS17] AKTIV60 TICKET - Das günstige Abo für alle ab 60, 2017/01
[ZNM20 ] Zukunftsnetz Mobilität NRW Kommunales Mobilitätsmanagement als Change-Management-Prozess. Handbuch des Zukunftsnetz Mobilität NRW, 2020
Weiterführende Literatur
[EMMÜ21] Europäische Metropolregion München e.V. Leitfaden zum Betrieblichen Mobilitätsmanagement (BMM), 2021
[REST19a] Reutter, Ulrike , Stiewe, Mechtild Mobilitätsmanagement - in Deutschland angekommen?!, veröffentlicht in Mobilitätsmanagement. Ansätze, Akteure, Ausblick. Informationen zur Raumentwicklung, Ausgabe/Auflage Heft 1/2019, Bonn, 2019
[BAFR22] Bauer, Uta, Frank, Susanne, Gerwinat, Verena, Huber, Oliver , Scheiner, Joachim , Schimohr, Katja , Stein, Thomas , Wismer, Annika Wechselwirkungen zwischen Wohnstandortwahl und Alltagsmobilität. Wissenschaftliche Grundlagen und kommunale Praxis, veröffentlicht in Arbeitspapier im Rahmen des STAWAL-Projekts. , Ausgabe/Auflage Working Paper 01, 2022
Glossar
Bike Sharing Der Begriff Bike Sharing stammt aus dem Englischen und kann in etwa mit der Bedeutung „Fahrradverleih“ übersetzt werden. Er beschreibt die organisierte, gemeinschaftliche Nutzung von Fahrrädern, die in der Regel von Unternehmen, Kommunen oder Kommunalverbänden bereitgestellt werden. Die Fahrräder stehen an öffentlich zugänglichen Stellplätzen zur Verfügung. Die Fahrräder können dabei an einer Station ausgeliehen und an einer anderen zurückgegeben werden. Dieses System ist besonders für die kurzfristige Nutzung der gegen ein Entgelt zur Verfügung gestellten Räder im urbanen Raum ausgelegt. Das Ziel ist, dass die Fahrräder möglichst vielen Nutzern pro Tag zur Verfügung stehen. Daher ist meist die erste halbe Stunde des Verleihs besonders günstig. Für eine längere Leihperiode bieten reguläre Fahrradvermieter jedoch meist die besseren Angebote.
ADFC Der ADFC ist ein bundesweiter, gemeinnütziger Verein, der die Interessen von Alltags- und Freizeitfahrern vertritt. Arbeitsschwerpunkte liegen unter anderem in der Verkehrsplanung, der Verkehrspolitik, dem Tourismus, dem Umweltschutz, der Technik/Sicherheit, dem Fahrraddiebstahlschutz sowie der Fahrradmitnahme in Öffentlichen Verkehrsmitteln. Dabei überprüft der ADFC beispielsweise auch die Qualität von Produkten der Fahrradindustrie und fördert den Radverkehr durch Zusammenarbeit mit Institutionen, Vereinen sowie Organisationen, die sich für mehr Sicherheit und Umweltschutz im Straßenverkehr einsetzen. Des Weiteren bietet der ADFC vor Ort Dienstleistungen wie Radtouren, Technikkurse, Kaufberatung als auch Verkehrsaktionen an.
Carsharing
Der Begriff CarSharing stammt aus dem Englischen (car= Auto, to share= teilen) und kann sinngemäß mit der Bedeutung "Auto teilen" übersetzt werden. Er beschreibt die organisierte, gemeinschaftliche Nutzung von Kraftfahrzeugen, die meist von Unternehmen gegen Gebühr bereitgestellt werden.
Durch einen Rahmenvertrag oder eine Vereinsmitgliedschaft erhalten Kunden flexiblen Zugriff auf alle Kfz eines Anbieters. Die Fahrzeuge können über eine Webseite oder über eine Smartphone-App gebucht werden. Geöffnet werden sie in der Regel mit Hilfe von Chipkarten oder durch einen über die Smartphone-App vermittelten Zugangscode .
Bei dem System des stationsbasierten CarSharing stehen die Fahrzeuge auf reservierten Stellplätzen und werden nach der Nutzung auch wieder dorthin zurückgebracht. Ein anderes Modell ist das free-floating CarSharing. Hier stehen die Fahrzeuge in einem definierten Operationsgebiert verteilt. Sie können per Smartphone geortet werden und nach der Nutzung auf einem beliebigen Stellplatz innerhalb des Operationsgebiets zurückgegeben werden.
Öffentlicher Personennahverkehr
Der öffentliche Personennahverkehr ist juristisch im Personenbeförderungsgesetz (PBefG) definiert. Laut Paragraf 8, Absatz 1 und 2 umfasst der ÖPNV "die allgemein zugängliche Beförderung von Personen mit Straßenbahnen, Obussen und Kraftfahrzeugen im Linienverkehr, die überwiegend dazu bestimmt sind, die Verkehrsnachfrage im Stadt-, Vorort- oder Regionalverkehr zu befriedigen". Taxen oder Mietwagen können dieses Angebot ersetzten, ergänzen oder verdichten.
Der Begriff ÖPNV bezieht sich in der Regel auf Strecken mit einer gesamten Reiseweite von weniger als 50 Kilometern oder einer gesamten Reisezeit von weniger als einer Stunde. Das in einer Stadt oder Region erforderliche Nahverkehrsangebot und dessen Eignung hinsichtlich Nachhaltigkeit und Klimaschutz wird in einem Nahverkehrsplan definiert und festgehalten.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?429789

Gedruckt am Donnerstag, 18. April 2024 06:11:40