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Gesellschaftliche Akzeptanz der Sicherheitskultur

Erstellt am: 14.11.2012 | Stand des Wissens: 23.12.2022
Synthesebericht gehört zu:
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike

Der Begriff der Sicherheit ist eng mit den Begriffen Risiko und Akzeptanz verbunden. Essentiell ist eine kollektive und systematische Beurteilung des Risikos. Jedoch fließen in diese Bewertungen unterschiedliche Kriterien zur Abschätzung des Risikos ein. Diese können je nach Person, Arbeitsplatz und persönlichen Gründen unterschiedlich sein [Künz02].

Für den Luftverkehr bedeutet dies zum Beispiel, dass Personen, welche in der Branche tätig sind, eventuell ein geringes Risiko bei der Nutzung des Verkehrsträgers Luftfahrzeug sehen. Personen, welche aber keine professionellen Beziehzungen zum Luftverkehr haben, tendieren dahingehend eventuell zu negativen Assoziationen (beispielsweise Flugzeugabstürzen, Flugzeugentführungen oder geplanten Attentaten). Sie sehen daher ein erhöhtes individuelles Risiko bei der Nutzung des Luftverkehrs. Trotz der einhergehenden Forderung der Gesellschaft nach einer besonders hohen Sicherheitskultur im Luftverkehr, werden deren Umsetzungen und die damit verbundenen Nebeneffekte häufig kritisch betrachtet.

Auslöser für kritische Debatten und Überarbeitung der aktuellen Sicherheitssituationen im verstärkten Maße sind beispielsweise die Anschläge vom 11. September 2001 oder die Anschlagsversuche mit "Beihilfe" der Luftfracht vom Oktober 2010. In Folge solcher Ereignisse erhöhen sich Sicherheitsvorschriften. Dabei werden sie häufig zunächst durch "erste Hilfemaßnahmen" und erst später anwenderorientiert umgesetzt. Ein Beispiel hierfür ist die kurzfristige Beschränkung von Flüssigkeitsmengen auf 100 Milliliter Gefäße und das Mitführen von maximal 1 Liter im Handgepäck. Langfristig findet die Entwicklung von Flüssigkeitsscannern statt, die zukünftig Sicherheitsuntersuchungen am Flugplatz verändern werden, aber im Sinne der Anwender sind. Sowohl kurzfristige als auch langfristige Lösungen zur Steigerung der Luftsicherheit werden durch den Passagier durchaus kritisch betrachtet.

Auch in der Forschung erfährt das Thema "Akzeptanz der Sicherheitskultur" Resonanz. So richtete beispielsweise das Forschungsprojekt "Sicherheit im öffentlichen Raum (SIRA)" den Fokus auf die gesellschaftliche Akzeptanz von Sicherheitsmaßnahmen [BMBF10a].
Ausgehend von der Tatsache, dass der zunehmende Einsatz von Sicherheitsmaßnahmen das Gleichgewicht zwischen bürgerlichen Freiheitsrechten und öffentlicher Sicherheit zu Ungunsten erster verschiebt [...], untersuchte das Projekt, welche Faktoren die Akzeptanz beziehungsweise die Ablehnung von Sicherheitsmaßnahmen im öffentlichen Raum beeinflussen [BMBF10a]. Als Untersuchungsmethode fanden Fallstudien in zwei Teilbereichen Anwendung. Diese Teilebereiche beziehen sich auf die [BMBF10a]:
  • Sicherheitsmaßnahmen im Personenluftverkehr ("Luftverkehrssicherheit") und
  • Erhebung und Speicherung von Daten durch staatliche Organe zur Herstellung von Sicherheit ("Informationssicherheit").
Die "zentrale These des Projekts ist, dass die Akzeptanz von Sicherheitsmaßnahmen maßgeblich vom gesellschaftlichen Umfeld abhängt. Um den Einfluss soziokultureller Faktoren zu untersuchen, wurde im Projekt ein entsprechender theoretischer Rahmen entwickelt, der gleichzeitig Grundlage und Bezugspunkt für die empirischen Fallstudien ist" [BMBF10a].
Bei der Abschlusskonferenz des Projektes in München wurden unter anderem folgende zentrale Aspekte zur Geltung gebracht [BMBF13]:
  • " 'Sicherheitsmaßnahmen an Flughäfen dienen oft nur der Beruhigung der Passagiere.' "
  • Die heutige Gesellschaft sei in einer "Sicherheitsillusion gefangen". Von Seiten der Politik sollte klar kommuniziert werden, dass eine absolute Sicherheit nicht möglich sei.
  • Die Wahrnehmung von Bedrohung sei in den letzten Jahren stärker gestiegen als die tatsächliche Bedrohung. Die Wahrnehmung von (Un-)Sicherheit hänge eng damit zusammen, was in einer Gesellschaft als Sicherheitsbedrohung verstanden werde.
  • Nicht jede Sicherheitsmaßnahme wird von einer Gesellschaft akzeptiert (beispielsweise Körperscanner an Flughäfen oder Videoüberwachung an öffentlichen Plätzen).
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Maßnahmen zur Erhöhung der Luftsicherheit (Security) (Stand des Wissens: 15.12.2022)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?132104
Literatur
[BMBF10a] Bundesministerium für Bildung und Forschung (Hrsg.) SIRA - Sicherheit im öffentlichen Raum, 2010/08
[BMBF13] Bundesministerium für Bildung und Forschung (Hrsg.) SIRA Abschlusskonferenz vom 6. bis 8. November 2013, 2013/11/08
[SIRA10] Prof. Dr. Kathrin Groh, Ass. iur. Philipp Rosch Rechtswissenschaftliche Untersuchungen zu Sicherheitsstrategien und -technologien auf dem Gebiet der Flughafen- und Luftsicherheit: Teilprojekt 5: Recht, 2010
Weiterführende Literatur
[SIzuSIRA11] Forschungsprojekt untersucht Akzeptanz von Sicherheitsmaßnahmen, Verlag Heide & Klaus GbR /Hanau, 2011/01/30
[Künz02] Künzler, Cuno Kompetenzförderliche Sicherheitskultur: ganzheitliche Gestaltung risikoreicher Arbeitssysteme, veröffentlicht in Mensch - Technik , Ausgabe/Auflage Organisation, Bd. 36, vdf Hochschulverlag an der ETH Zürich, 2002, ISBN/ISSN 3728128570; 978-3728128577

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?401885

Gedruckt am Sonntag, 14. Juli 2024 08:57:41