Luftfracht
Erstellt am: 14.11.2012 | Stand des Wissens: 21.12.2022
Synthesebericht gehört zu:
Ansprechperson
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike
Die Geschichte der Luftfracht beginnt in Deutschland im Sommer 1911 durch die erste Lieferung der Berliner Morgenpost vom Flugplatz Berlin-Johannisthal nach Frankfurt (Oder). Die Zeitung konnte so "druckfrisch" eine Stunde schneller ausgeliefert werden als durch den Transport mit der Eisenbahn [LHC11]. Der erste kommerzielle Luftfrachtspediteur - die Deutsche Luftreederei (DLR) - nahm seine Arbeit im Jahr 1917 mit Zeitungslieferungen zwischen Berlin und Weimar auf. 1919 wurde das Geschäftsfeld auf den täglichen Transport von Luftpost erweitert. [DtLuftFr12, BVDL18]
Heute ist das Flugzeug, vor allem im globalen Handel, das Transportmittel für zeitkritische Waren. Die Luftfracht ist ein fester Bestandteil der Warenlieferkette und für viele Industriezweige eine grundlegende Voraussetzung zur Sicherung deren Existenz. Dies trifft auch auf die deutsche Exportwirtschaft zu. Abbildung 1 und Abbildung 2 zeigen den Wandel in der deutschen Luftfracht.
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Die Vorteile der Luftfracht, wie die geringe Transportdauer oder die hohe Zuverlässigkeit, bedingt durch minutengenaue Flugpläne und geringe Lagerkosten, begünstigen den Transport von zeitkritischen Waren. Das globale Just-In-Time Konzept gleicht dabei den nachteiligen Faktor der Luftfracht, die vergleichsweise hohen Transportkosten, aus.
Die als Luftfracht transportierten Güter sind in drei Kategorien zu untergliedern [Grand12, S. 74]:
1. Notfallsendungen
- Ersatzteillieferungen zur Vermeidung von Produktionsausfällen
- Hilfsgütertransporte in Katastrophengebiete
2. Planmäßige Sendungen verderblicher Güter
- Fleisch, Obst, Blumen, et cetera
- Tiere
- Printmedien, Saisonwaren
- Allgemeine Investitionsgüter (Maschinen- und Maschinenbauteile)
- Textilien
- Elektronische Geräte
- Kunst- und Wertgegenstände
Die Luftfracht wird dabei prinzipiell durch eine der folgenden Formen transportiert [Grand12, S.107-111]:
- Transport mit reinen Frachtflugzeugen (siehe Abbildung 3)
- Transport im Frachtraum von Passagierflugzeugen (auch Belly-Frachtflugzeuge genannt) (siehe Abbildung 4)
- Transport mittels Lastkraftwagen im Vor- und Nachlauf der Frachtflughäfen
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Die Sicherheitskontrollen der zu transportierenden Fracht unterscheiden sich jedoch unabhängig von der genutzten Transportform deutlich von den Sicherheitskontrollen der Passagiere oder deren Gepäck. Eine 100 prozentige Kontrolle in Form einer Überprüfung (Röntgen, Spürhunde, manuelle Kontrolle) durch eine Luftsicherheitsbehörde findet bei der Luftfracht nicht statt (Ausnahme: Sendungen in die USA; siehe Synthesebericht "sichere Lieferkette" in gleichnamiger Wissenslandkarte). Durch die Inhomogenität der Frachtstücke, die Vielzahl an beteiligten Partnern und die komplexe Struktur der Lieferkette wird auf die sichere Lieferkette gesetzt, welche gewährleistet, dass ein Großteil der Fracht durch verfahrenstechnische Maßnahmen als sicher gilt und nur ein kleiner Teil der Fracht direkt, unter anderem stichprobenhaft, kontrolliert werden muss. Allerdings wird dieses System immer weiter in Richtung verstärkter Kontrolle und staatlicher Zertifizierung der beteiligten Partner hin verschoben.
Die gesetzlichen Rahmenbedingungen werden durch EU-Verordnungen für alle EU-Mitgliedsländer vorgegeben. Ausgehend von der Rahmen-Verordnung (EG) Nr. 300/2008 [EG/300/2008], welche den Aspekt der sichere Lieferkette aufnimmt, führte die EU-Durchführungsverordnung 185/2010 [VOEU185/2010] im April 2010 strengere Sicherheitsvorschriften für Luftfrachtunternehmen und -betriebe (unter anderem das behördliche Zulassungsverfahren für bekannte Versender) ein. [LBA11] Seit dem 1. Februar 2016 gilt die EU-Durchführungsverordnung 2015 [EU2015/1998] und ist für alle EU-Mitgliedsstaaten maßgebend.
Aufgrund möglicher hoher Schäden, großer Symbolkraft und erzielbarer internationaler Aufmerksamkeit erscheint der Luftverkehr als ein attraktives Anschlagsziel für Terroristen. Ein Beispiel stellen die verhinderten Anschlagsversuche mit Paketbomben im Jahr 2010 dar. [LBA11] Hier konnten durch die Zu- und Zusammenarbeit saudi-arabischer, deutscher, britischer und amerikanischer Geheimdienste und Sicherheitsbehörden im Oktober 2010 zwei Paketbomben sichergestellt werden, die im Jemen per Post aufgegeben worden und jüdische Einrichtungen in den USA zum Ziel hatten. Der PETN-Sprengstoff konnte unbemerkt, versteckt in Computerdruckern, jemenitische und deutsche "Frachtkontrollen" passieren. Das erste verdächtige Paket wurde mit Hilfe des US-amerikanischen Paketdienstes UPS (United Parcel Service) versendet und konnte letztendlich nach einem Umschlag in Köln-Bonn am mittelenglischen Flughafen East Midlands vor dem erneuten Start einer UPS-Frachtmaschine aus dem Verkehr gezogen werden. Die zweite Paketbombe wurde kurze Zeit später, ebenfalls am 29.10.2010, in Dubai vor dem Start eines Frachters des Paketdienstleisters FedEx (Federal Express) entdeckt.Anschlagsversuche wie diese verdeutlichen, dass umfangreiche Maßnahmen zur Gefahrenprävention auf europäischer und nationaler Ebene einer hohen Wichtigkeit bedürfen. In Deutschland ist das Luftfahrtbundesamt (LBA) mit seiner im Jahr 2011 neu gegründeten Abteilung S - Luftsicherheit für die konzeptionelle Umsetzung und Überwachung der europäischen Vorgaben tätig [LBA11].