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Nachhaltigkeit im Luftverkehrssystem

Erstellt am: 03.07.2011 | Stand des Wissens: 27.02.2024
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IKEM - Institut für Klimaschutz, Energie und Mobilität e.V.

Das Prinzip der Nachhaltigkeit stammt ursprünglich aus der Forstwirtschaft und ist auf den im 18. Jahrhundert lebenden Oberberghauptmann Hanns Carl von Carlowitz zurückzuführen. Von ihm kommt die Parole: "Wer Brennholz schlägt, muss Brennholz pflanzen." [DVWG273]

Seit dieser Zeit ist die Bedeutung der Nachhaltigkeit komplexer geworden. Während vor zwei Jahrhunderten Nachhaltigkeit die rein ökonomische Erkenntnis der Forstwirte beinhaltete, nicht mehr Holz den Wäldern zu entnehmen wie nachwachsen kann, damit deren Einkommensgrundlage nicht gefährdet ist, umfasst der Begriff Nachhaltigkeit heutzutage auch soziale und ökologische Aspekte.

Wirtschaftliches Wachstum in Form einer dauerhaften globalen Entwicklung kann nur unter sozialen und ökologischen Rahmenbedingungen erfolgen. Dabei ist unter einer dauerhaften Entwicklung kein Zustand starrer Ausgewogenheit zu verstehen, sondern beschreibt eher ein Prozess, der ständigen Änderungen unterliegt und "dessen Ziel darin besteht, die Ausbeutung der Ressourcen, den Investitionsfluss, die Ausrichtung der technologischen Entwicklung und die institutionellen Veränderungen mit künftigen wie gegenwärtigen Bedürfnissen in Einklang zu bringen." Die folgenden Generationen sollen ebenfalls die Möglichkeit haben, ihre Bedürfnisse decken zu können und nicht aufgrund von Unachtsamkeit der vorherigen Generationen gravierenden Beschränkungen unterliegen. [UNO87]

Dieses globale, nachhaltige Bewusstsein der heutigen Zeit beruht auf einer erst drei Jahrzehnte langen Entwicklung. Erst zu Beginn der siebziger Jahre erfährt nämlich das Prinzip der Nachhaltigkeit nach ungefähr zweihundert Jahren eine Renaissance. Als einer der Auslöser gilt die Studie Grenzen des Wachstums, eine der Ur-Studien für nachhaltige Entwicklung, welche im Auftrag der Volkswagen-Stiftung am MIT von jungen Wissenschaftlern bearbeitet wurde. Dieser erste Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit prophezeit einen katastrophalen Niedergang des Lebensstandards und gar der Weltbevölkerung.

Argumentiert wird mit dem stark gestiegenen Bevölkerungswachstum und der ungebremsten Ausbeutung von Ressourcen - dem Kapital der Erde. [MeaDe72] Und seit dem Erscheinen des Berichts der Brundtland-Kommission (Weltkommission für Umwelt und Entwicklung) Our Common Future (1987), hat sich der Begriff sustainable development (nachhaltige oder dauerhafte Entwicklung) als Bezeichnung für eine gerechte und den Wohlstand aller Menschen steigernde Entwicklung, die ihre eigenen Grundlagen nicht zerstört, folglich dauerhaft ist etabliert. [BinMa99]

Aus ökonomischer Sicht betrifft dies insbesondere die effiziente Abwicklung des Verkehrssystems, was bspw. die Vermeidung von Staus und den Erhalt der ökonomischen Funktion von Mobilität beinhaltet. Unter ökologischen Aspekten besitzen Klimaschutz, Ressourcenschonung, Reduzierung des Flächenverbrauchs und Lärmminderung für eine nachhaltige Mobilität besondere Bedeutung. Der gerechte Zugang zur Mobilität, Sicherheit und die sozialen Auswirkungen des Verkehrs insbesondere auf das Zusammenleben in den Städten sind den gesellschaftlichen Aspekten zuzuordnen.

Zu den wichtigsten mittel- bis langfristigen Umweltzielen eines nachhaltigen Luftverkehrs gehört die Reduzierung der Luftschadstoffe und zu den kurz- bis mittelfristigen Umweltzielen die Verringerung des Fluglärms. Die internationale Zivilluftfahrtorganisation ICAO hat auf ihrer 33. Generalversammlung im Herbst 2001 eine Resolution zur Weiterentwicklung der Umweltstandards im Luftverkehr und zur Umsetzung eines "Balanced Approach" zur Lärmreduktion beschlossen. [ICAO01, S. 15-32]

Die kontroversen Positionen können je nach Modell äußerst unterschiedlich ausfallen, sodass sich folgende Ausprägungen in Bezug auf Nachhaltigkeit ergeben: [BarHe01]
  1. Sehr schwache Nachhaltigkeit: nicht korrigiertes neoklassisches Wachstumsparadigma (Wachstumsoptimismus).
  2. Schwache Nachhaltigkeit: Umwelt- und Ressourcenökonomie.
  3. Mittlere Nachhaltigkeit: Aufgeklärte Umweltökonomie mit Festlegung von Essentials, Leitplanken und/oder Gefährdungsbereichen mit Hilfe diskursiver Verfahren.
  4. Starke Nachhaltigkeit: Ökologische Ökonomie mit der Forderung nach Erhalt der Biodiversität, Funktionsfähigkeit der Ökosysteme und der Erkenntnis von Wissenslücken, Unsicherheiten und Monetarisierungsgrenzen.
  5. Sehr starke Nachhaltigkeit: Ökozentrismus mit absolutem Naturerhalt.
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IKEM - Institut für Klimaschutz, Energie und Mobilität e.V.
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Maßnahmen zur Minderung von Luftverkehrsschadstoffen (Stand des Wissens: 28.02.2024)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?34402
Literatur
[BarHe01] Hermann Bartmann, Jan A. Schwaab Nachhaltige Entwicklung und Globalisierung, 2001
[BinMa99] Manfred Binder Wachstum, Strukturwandel und Umweltschutz, 1999
[DVWG273] Prof. Dr. Heinz Isermann, Dr. Wilhelm Bender, Dr. Holger Hätty, Ralf Nagel, Ulrich Schulte-Strathaus, Prof. Dr. Stephan Hobe, LL.M.(McGill), Dr. Mark Nicklas, Martin Gaebges 11. Luftverkehrsforum der DVWG - Luftverkehrsmärkte der Zukunft - Entwicklung des Luftverkehrsraums USA-EU: Welche Chancen hat Deutschland?, veröffentlicht in Schriftenreihe der Deutschen Verkehrswissenschaftlichen Gesellschaft e.V. - DVWG / Reihe B - Seminare, Ausgabe/Auflage B 273, 2004/02/04, ISBN/ISSN 3-937877-03-7
[ICAO01] Internationale Zivilluftfahrtorganisation (International Civil Aviation Organization-ICAO) Resolutions Adopted at the 33rd Session of the Assembly - Provisional Edition, ICAO / Montreal, Canada, 2001/10
[MeaDe72] Dennis Meadows Die Grenzen des Wachstums, Deutsche Verlags-Anstalt / Stuttgart, 1972, ISBN/ISSN 3-421-02633-5
[UNO87] Weltkommission für Umwelt und Entwicklung der Vereinten Nationen Unsere gemeinsame Zukunft - Der Brundtland-Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung, Eggenkamp-Verlag / Greven, 1987
Glossar
ICAO
Die International Civil Aviation Organization (ICAO) ist die Internationale Zivilluftfahrtorganisation zur Vereinheitlichung und Regelung der Zivilluftfahrt durch Veröffentlichungen von Richtlinien und Empfehlungen.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?356406

Gedruckt am Dienstag, 16. April 2024 07:26:00