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Bestellerkooperationen

Erstellt am: 05.05.2011 | Stand des Wissens: 09.11.2022
Synthesebericht gehört zu:
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Verkehrsplanung und Logistik, Prof. Dr.-Ing. H. Flämig

In den vergangenen Jahren haben sich die Strukturen vieler Unternehmen grundlegend verändert. Im Zuge der Globalisierung wurden neue Produktionsmethoden entwickelt und es wird zunehmend Wert auf die Stärkung der Eigenverantwortlichkeit von Unternehmensbereichen und Abteilungen gelegt [Arnd10a]. Eine Folge dieser Entwicklungen ist, dass Bestellprozesse in Unternehmen heute oft separat und unkoordiniert ablaufen, was zu einer Zersplitterung der Bestellungen und einer geringen Auslastung von Lieferverkehren führt. Zudem werden die Bestellungen insgesamt immer kleinteiliger [Arnd10a].

Um dennoch kosteneffizient zu wirtschaften, versuchen auf der einen Seite die Lieferanten Sendungen unternehmensintern oder im Rahmen von Versenderkooperationen zu bündeln (vergleiche Syntheseberichte "Milkrun" und "Gebietsspediteure"). Auf der anderen Seite bemühen sich die Besteller um eine Bündelung ihrer Aufträge, da so Vorteile, zum Beispiel im Hinblick auf Preisreduktionen durch größere Bestellmengen, realisiert werden können. Die Initiative kann demnach sowohl von den Lieferanten als auch von den Bestellern ausgehen.

Ziele und Aufgaben der Beschaffung
"Beschaffung kann als Oberbegriff für alle Tätigkeiten verstanden werden, die der Versorgung einer Organisation mit Material, Dienstleistungen, Betriebs- und Arbeitsmitteln aus betriebsexternen Quellen (Güter- und Dienstleistungsmärkte) und teilweise auch mit Rechten und Informationen dienen" [Boga08a, S. 55]. Zentrales operatives Ziel der Beschaffung ist demnach die Versorgung des Unternehmens mit notwendigen Produkten und Dienstleistungen zu geringstmöglichen Kosten. Wichtige strategische Ziele sind die langfristige Zusammenarbeit mit leistungsfähigen Zulieferern und die Erschließung neuer Beschaffungsmärkte [Arnd10, S. 48]. Die strategischen und operativen Hauptaufgaben der Beschaffung sind in Abbildung 1 aufgeführt.
Beschaffungsaufgaben.pngAbb. 1: Beschaffungsaufgaben, eigene Darstellung nach [ArKa07a, S. 14]
Besteller- und Beschaffungskooperationen
Im Rahmen von Bestellerkooperationen schließen sich Besteller/Empfänger zusammen und nehmen durch die Bestellungsbündelung den Versendern und Transporteuren die Abstimmungs-Probleme einer Kooperation untereinander teilweise ab.
Sind Lieferprozesse Teil der Kooperation, handelt es sich um Beschaffungskooperationen. Diese umfassen damit den Gesamtprozess der Beschaffung, inklusive der aus verkehrlicher Sicht interessanten Lieferorganisation [Arnd10, S. 66].

Bündelung von Bestellungen durch E-Procurement
Während früher aufgrund der Werksgröße, der Zentralisierung und der hohen Produktionstiefe vieler Unternehmen eine Bündelung auf Bestellerseite häufig per se gegeben war, ist dies bei den heutigen Organisationsstrukturen und Produktionsmethoden nicht der Fall.
Durch Nutzung moderner Informations- und Kommunikationstechnologien kann jedoch ein ähnlicher Effekt erzielt werden. So können Unternehmen zum Beispiel mit Hilfe von Internet-Bestellplattformen (vergleiche Synthesebericht "E-Commerce und E-Procurement im Überblick") virtuelle Zentralbestellungen innerbetrieblich für dezentral organisierte Strukturen oder überbetrieblich zwischen unabhängigen Unternehmen realisieren [Arnd10a].

Voraussetzungen und Vorteile von Bestellerkooperationen
Wichtige Entscheidungen beim Aufbau einer Beschaffungskooperation betreffen folgende Punkte:
  • Wahl des richtigen Kooperationspartners
  • Analyse der Unternehmenskulturen der Kooperationspartner
  • Konsequentes Management der laufenden Kooperation
  • Klare Formulierung der Kooperationsziele und -vereinbarungen [Kuhn02a, S. 12]
Die Zusammenarbeit im Rahmen von Bestellerkooperationen bietet für Unternehmen unter anderem folgende Vorteile [Arnd10a]:
  • Kosteneinsparung durch Aufwandsminimierung und Nutzung von Preisrabatten durch Bündelung der Bestellmengen von mehreren Bestellern
  • Verbesserung der Steuerung und Kontrolle bei der Beschaffung
  • Erschließung neuer Märkte
  • Prozessvereinfachung und Erhöhung der Transparenz
  • Nachhaltige Reduzierung der Güterverkehrsleistung durch Bündelung von Transporten.
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Verkehrsplanung und Logistik, Prof. Dr.-Ing. H. Flämig
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Nachhaltige Transportorganisation und -kooperationen (Stand des Wissens: 09.11.2022)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?350474
Literatur
[ArKa07a] Arnold, Ulli, Kasulke, Gerhard Praxishandbuch innovative Beschaffung: Wegweiser für den strategischen und operativen Einkauf, Ausgabe/Auflage 1. Auflage, WILEY-VCH, Weinheim, 2007
[Arnd10] Arndt, Wulf-Holger Optimierungspotenziale im Wirtschaftsverkehr durch bestellerseitige Kooperation, Dissertation an der Technischen Universität Berlin , 2010/07/07
[Arnd10a] Arndt, Wulf-Holger Optimierungspotenziale im Wirtschaftsverkehr durch bestellerseitige Kooperation - Kurzfassung in Deutsch, Universitätsbibliothek der TU Berlin - Digitales Repositorium, 2010
[Boga08a] Bogaschewsky, Ronald Beschaffung und E-Procurement, veröffentlicht in Gabler Lexikon Logistik, Gabler / GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden, 2008/09, ISBN/ISSN 978-3-8349-0149-1
[Kuhn02a] Kuhn, Axel Beschaffungskooperationen, 2002/03/11
Glossar
Verkehrsleistung
Die Verkehrsleistung gibt Auskunft über die Inanspruchnahme von Ressourcen. Als Verkehrsleistung wird die auf eine Zeiteinheit t (zum Beispiel ein Jahr) bezogene Verkehrsarbeit definiert und als Quotient dargestellt. Die Verkehrsarbeit wird dabei als Produkt von Verkehrseinheiten (zum Beispiel Güter oder Personen) und der durch diese zurückgelegten Strecke gebildet. In der Verkehrswissenschaft sind die Einheiten Personenkilometer pro Jahr [Pkm/a] oder Tonnenkilometer pro Jahr [tkm/a] gebräuchlich.
Transporteur Transporteure (auch Frachtführer genannt) führen den physischen Transport aus.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?350017

Gedruckt am Donnerstag, 20. Juni 2024 08:54:19