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Raumstruktur in Europa

Erstellt am: 22.09.2010 | Stand des Wissens: 23.11.2023
Synthesebericht gehört zu:
Ansprechpartner
Institut für Mobilitäts- und Stadtplanung, Universität Duisburg-Essen, Prof. Dr.-Ing. Dirk Wittowsky
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike

Der Raumordnungsbericht aus dem Jahr 2005 fokussiert sich unter anderem auf Betrachtungen über die räumliche Zusammensetzung des europäischen Zentralraums der Metropolregionen [BBR05a, S. 22]. Diese basieren einerseits auf politisch angedachten Raumansichten wie der "Blauen Banane", andererseits auf dem eher gegriffenen Wirtschafts- und Bevölkerungsschwerpunktraums des "Europäischen Pentagons" oder der "polyzentrischen siedlungsstrukturellen Leitvorstellungen wie dem "Mehrkernmodell" der "Europäischen Traube"" (Abbildung 1) [BBR05a, S. 22].
Die Gruppierung der zur "Blauen Banane" zugewiesenen Länder/Wirtschaftsräume basiert auf einem wirtschaftsgeographischen Modell nach dem französischen Wissenschaftler Roger Brunet aus dem Jahr 1989. "In diesem Korridor der wirtschaftsstarken Regionen Europas liegen 28 Prozent aller Standorte, an denen die Entscheidungs- und Kontrollfunktion, die Innovations- und Wettbewerbsfunktion sowie die Gateway-Funktion nachgewiesen werden konnten" [AGHe05]. Das "Europäische Pentagon" kennzeichnet den zentralen, europäischen Kernraum zwischen London, Paris, Mailand, München als auch Hamburg und umfasst somit ein Drittel der Standorte, welche Metropolfunktion besitzen [AGHe05]. Die "Europäische Traube" hingegen stellt die Metropolregionen Europas dar, welche auf der Landkarte zusammen die Form einer Weintraube ergeben.
Metropolregionen in Europa
Abbildung 1: Metropolregionen in Europa [AGHe05, S. 429]
Die im Raumordnungsbericht 2005 des Bundesinstitutes für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) vorgestellte Raumstrukturtypisierung basiert auf der Analyse und Kombination der Parameter Zentrenerreichbarkeit (Maß für die Lage einer Region, Pkw-Fahrzeit zu hochrangigen Zentren) und Bevölkerungsdichte (Maß für die Konzentration von Raum- und Siedlungsstruktur) [BBR05a, S. 22]. Diese Typisierung wurde auf die europäische Maßstabsebene übertragen. Damit wurde eine Einbettung der deutschen Raumstruktur in den europäischen Kontext möglich. Für den gesamten europäischen Raum wurden so die drei Grundtypen der Raumstruktur: Zentralraum, Zwischenraum und Peripherraum ermittelt [BBR05a, S. 22]. Diese Grundtypen wurden nochmals differenziert und es ergibt sich die in Abbildung 2 angegebene Raumstruktur in Europa.
Raumstruktur in EuropaAbbildung 2: Raumstruktur in Europa [BBR05a, S. 23] (Grafik zum Vergrößern bitte anklicken)

1 Europäischer Zentralraum
Der europäische Zentralraum "erstreckt sich von Nordengland über Belgien und den südlichen Teil der Niederlande, den Westen und Südwesten Deutschlands bis in die Zentralschweiz und das Schweizer Mittelland" [BBR05a, S. 22]. Das "Zentrum Frankreichs mit Paris und die Mitte sowie der Südosten Deutschlands mit München" bilden die Fortsetzung [BBR05a, S. 22].
31 von 76 Metropolitan European Growth Areas (MEGAs) liegen im europäischen Zentralraum, davon 19 im zusammenhängenden Kernraum und zwölf in einzelnen Zentralregionen [BBR05a, S. 22].
1.1 Innerer Zentralraum
Der innere Zentralraum in Europa wird gebildet aus den Clustern der großen Zentren und Agglomerationen in Zentraleuropa. In Deutschland gehören die Regionen Rhein-Ruhr-Aachen, Rhein-Main, Stuttgart und München dazu. Darüber hinaus werden Paris, Brüssel-Antwerpen, Randstaat und in kleinerer regionaler Ausdehnung Lille und Zürich und des Weiteren London, West Midlands und Liverpool hinzugezählt [BBR05a, S. 22].
Ergänzt wird dieses zusammenhängende Gebiet durch die entfernter liegenden Kerne Turin, Mailand, Barcelona, Lyon, Hamburg, Berlin, Wien, Rom, Madrid und Stockholm. Die städtischen Regionen bilden in diesen Räumen den jeweiligen inneren Zentralraum [BBR05a, S. 22].
1.2 Äußerer Zentralraum
Der äußere Zentralraum bildet die verdichteten Siedlungsstrukturen um die Kernstädte ab. Mit einer Bevölkerungsdichte von etwa 500 Einwohnern je Quadratkilometer umfasst der äußere Zentralraum demnach die engeren Suburbanisierungsgebiete [BBR05a, S. 21].
2 Europäischer Zwischenraum
Der Zwischenraum umfasst "die wichtigen Siedlungskonzentrationen und -bänder außerhalb der Zentralräume" [BBR05a, S. 24]. Einerseits handelt es sich bei den Zwischenräumen um die erweiterten Umlandregionen der Kerngebiete und um die Verbindungsräume zwischen den Kernen. "Andererseits sind Zwischenräume im europäischen Maßstab auch eigenständige Verdichtungsregionen, die über gute Anbindungen an die Zentralräume", jedoch nicht über das entsprechend hohe Bevölkerungspotenzial verfügen [BBR05a, S. 24].
2.1 Europäischer Zwischenraum mit Verdichtungsansätzen
Zwischenräume mit Verdichtungsansätzen besitzen heute schon "potenzielle Verbindungsfunktionen über die Grenzen der einzelnen Staaten hinaus" [BBR05a, S. 24]. Beispielsweise existiert diese Raumkategorie in der "Fortführung des europäischen Zentralraumes über den südlichen Teil Ostdeutschlands nach Südpolen und Nord-Ost-Tschechien sowie von Oberbayern unter der Verknüpfung von Wien nach Budapest" [BBR05a, S. 24]. Europäische Zwischenräume mit Verdichtungsansätzen sind in der Regel durch Bevölkerungszunahmen gekennzeichnet. Einzige Ausnahmen bilden der Süden Ostdeutschlands und der Südwesten Polens [BBR05a, S. 24].
2.2 Europäischer Zwischenraum geringerer Dichte
"Zwischenräume geringerer Dichte sind Verbindungsräume zwischen den großen zusammenhängenden" und den einzeln liegenden Zwischenräumen [BBR05a, S. 24]. Die Abhängigkeiten zu den Zentralräumen sind in den Räumen geringerer Zentralität und Bevölkerungsdichte noch deutlicher spürbar [BBR05a, S. 24].
3 Europäischer Peripherraum
Für diese Raumkategorie ist die "fehlende Nähe zu den maßgeblichen Metropolen mit globalen und europäisch bedeutsamen Funktionen" charakteristisch [BBR05a, S. 24].
3.1 Europäischer Peripherraum mit Verdichtungsansätzen
In dieser Raumkategorie spiegelt sich das Eigenpotenzial von Zentren nationaler Bedeutung wider. Diese Zentren bilden in vielen Fällen Insellagen regionaler Entwicklungskerne. "Es zeigen sich aber auch flächenhafte Konzentrationen und Bandstrukturen, wie im Westen Frankreichs, in Südspanien oder an der portugiesisch-spanischen Atlantikküste" [BBR05a, S. 24]. Peripherräume mit Verdichtungsansätzen sind auch als Fortläufer des Zwischenraums vorhanden, beispielsweise an der spanischen Mittelmeerküste [BBR05a, S. 24].
3.2 Europäischer Peripherraum sehr geringer Dichte
Europäische Peripherräume sehr geringer Dichte verfügen zumeist nicht über "leistungsfähige, überregional bedeutsame Zentren und liegen relativ weit von den Metropolregionen entfernt" [BBR05a, S. 24].
Skandinavien, Irland, Südwest-Frankreich, Spanien, Griechenland und die baltischen Staaten werden von dieser Raumkategorie dominiert. In Deutschland, BeNeLux, Österreich, der Schweiz und Italien ist dieser Raumtyp nicht zu finden [BBR05a, S. 24].
Ansprechpartner
Institut für Mobilitäts- und Stadtplanung, Universität Duisburg-Essen, Prof. Dr.-Ing. Dirk Wittowsky
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Raumordnung und Raumentwicklung (Stand des Wissens: 23.11.2023)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?45947
Literatur
[AGHe05] Adam, B., Göddecke-Stellmann, J., Heidbrink, I. Metropolregionen als Forschungsgegenstand, Ausgabe/Auflage Heft 7.2005, 2005/07
[BBR05a] Lutter, H. Raumordnungsbericht 2005, 2005
Weiterführende Literatur
[BBSR10] Pütz, T., Spangenberg, M. Laufende Raumbeobachtung - Raumabgrenzungen Raumtypen 2010, 2010
[BBSR12a] Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (Hrsg.) Raumordnungsbericht 2011, Bonn, 2012/06
[BBSR17] Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (Hrsg.) Raumordnungsbericht 2017 - Daseinsvorsorge sichern, 2017/06, ISBN/ISSN 978-3-87994-216-9
[BBSR21b] Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (Hrsg.) Raumordnungsbericht 2021, Bonn, 2021/03, ISBN/ISSN 978-3-87994-520-7
Glossar
BBSR
Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung
Das BBSR im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) ist seit 2018 eine Ressortforschungseinrichtung im Geschäftsbereich des Bundesministeriums des Innern, für Bau und Heimat (BMI). Es berät die Bundesregierung bei Aufgaben der Stadt- und Raumentwicklung sowie des Wohnungs-, Immobilien- und Bauwesens. (BMVBS bis 2013, BMUB bis 2018)

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?331023

Gedruckt am Freitag, 14. Juni 2024 23:39:39