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Kapitalkostenermittlung und die Bedeutung eines Ringfencing

Erstellt am: 25.03.2010 | Stand des Wissens: 16.06.2023
Synthesebericht gehört zu:
Ansprechpartner
Bauhaus-Universität Weimar, Professur Infrastrukturwirtschaft und -management - Prof. Dr. Thorsten Beckers
Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Institut für Volkswirtschaftslehre (ECON), Prof. Dr. Kay Mitusch

Die Abschreibungsmethode und die Festsetzung der Kapitalverzinsung ergeben die Kapitalkosten und stellen damit zentrale Einflussfaktoren auf das bei einer kostenorientierten Anreizregulierung angemessene Preisniveau dar. Bei Zugrundelegung des Ziels der Kosteneffizienz, welches Nutzerinteressen berücksichtigt, bietet sich bei der Abschreibung der Rückgriff auf die Anschaffungskosten an.

Für die Ermittlung der anzusetzenden risikoadäquaten Kapitalverzinsung wird von den meisten Regulierern das Capital Asset Pricing Modell (CAPM) beziehungsweise das übliche praktische Vorgehen bei der Kapitalkostenermittlung unter Rückgriff auf das CAPM verwendet. Allerdings ist anzumerken, dass die entsprechende Praxis der Kapitalkostenermittlung nach diesem Kapitalmarktmodell, das wirklichkeitsfern von vollkommenen Kapitalmärkten ausgeht, nicht unproblematisch ist und Zweifel bestehen, ob damit die Risikopräferenzen der Investoren unter Berücksichtigung der Kapitalkosten in anderen Wirtschaftsbereichen adäquat abgebildet werden. Insofern sollte ein Regulierer im Falle eines Rückgriffs auf das CAPM zumindest die Offenheit erkennen lassen, bei Identifikation einer geeigneteren Methode zur Kapitalkostenermittlung seine Entscheidung zu modifizieren. Derzeit kann eine Entscheidung für die Anwendung des CAPM trotz der damit einhergehenden Probleme allerdings in jedem Fall mit Verweis auf die regulatorische Praxis in anderen Sektoren und Ländern gerechtfertigt werden.
Kapital kann in Form von Eigen- und Fremdkapital bereitgestellt werden. Gemäß des sogenannten Modigliani-Miller-Theorems, das wie auch das CAPM von vollkommenen Kapitalmärkten ausgeht, ist die Kapitalstruktur irrelevant [MoMi58]. In der Realität liegen jedoch verschiedene Marktunvollkommenheiten vor: Zunächst ist auf die unterschiedliche steuerliche Behandlung von Eigen- und Fremdkapital zu verweisen. Weiterhin ist die Finanzierungsstruktur auch deshalb nicht irrelevant, weil die Finanzierungsformen Eigen- und Fremdkapital sowie infolge dessen auch die Kapitalstruktur institutionelle Lösungen darstellen, durch die versucht wird, bei der Finanzierung infolge von Informationsasymmetrien auftretende Probleme, die im Blickfeld der Neuen Institutionenökonomik stehen, zu minimieren [z.B. BrMy08].

Wenn bei der Ermittlung der anzusetzenden risikoadäquaten Kapitalverzinsung durch den Regulierer die tatsächliche Finanzierungsstruktur und die zu beobachtenden Fremdkapitalkosten unberücksichtigt bleiben, kann dem regulierten Unternehmen ein Anreiz zur Minimierung der Kapitalkosten und damit zur Optimierung der Finanzierungsstruktur gesetzt werden. Allerdings ist zu berücksichtigen, dass bei einem geringen Eigenkapitalanteil das Insolvenzrisiko steigt. Dann ist zu hinterfragen, wer die mit einer etwaigen Insolvenz einhergehenden Transaktionskosten und Verluste übernähme. Sofern nicht sichergestellt ist, dass derartige Verluste von dem Unternehmen beziehungsweise den hinter diesem stehenden Kapitalgebern getragen würden und damit auch keine glaubhafte Insolvenzdrohung besteht, liegen Fehlanreize für das Unternehmen zur Wahl einer zu riskanten Finanzierungsstruktur vor. In diesem Fall sollte der Regulierer gegebenenfalls Vorgaben zur Finanzierungsstruktur machen. Vorzuziehen ist allerdings die Alternative, dass dem Unternehmen Anreize zur Optimierung der Finanzierungsstruktur unter expliziter Berücksichtigung der mit einer Insolvenz einhergehenden Kosten gesetzt werden. Hierfür ist sicherzustellen, dass diese Kosten auf das Unternehmen beziehungsweise die hinter diesem stehenden Kapitalgeber zurückfallen und auch im Insolvenzfall ein ununterbrochener Flugbetrieb erfolgen würde. Um dies zu erreichen, bietet es sich an, durch entsprechende präventive Regelungen sicherzustellen, dass der Flughafen im Insolvenzfall an die öffentliche Hand übergeht, während die Verluste bei den Eigentümern des insolventen Unternehmens verbleiben.

Im Übrigen kann für ein reguliertes Unternehmen beziehungsweise die hinter diesem stehenden Kapitalgeber auch ein Anreiz zu unangemessen riskantem Verhalten bestehen, wenn das Unternehmen hoffen kann, Verluste aus Aktivitäten jenseits des bei der Regulierung berücksichtigten Bereichs auf die Nachfrager im regulierten Bereich beziehungsweise die Steuerzahler abschieben zu können. Beispielsweise gibt es Unternehmen, die Eigentümer eines regulierten Flughafens in einem Land sind und gleichzeitig in Flughäfen in anderen Ländern investieren. In diesem Fall ist sicherzustellen, dass Verluste aus derartigen Auslandsaktivitäten stets, das heißt auch bei einer Insolvenzgefahr, von dem Unternehmen beziehungsweise den hinter diesen stehenden Kapitalgebern zu tragen sind. Hierfür sind wiederum präventive Regelungen vorzusehen. Von besonderer Bedeutung ist dabei ein Ringfencing, das heißt eine wirtschaftliche Isolierung des regulierten Bereichs, um ein Herausziehen von Vermögen aus diesem Bereich zu verhindern und im Insolvenzfall diesen Bereich unkompliziert aus dem entsprechenden Unternehmen herauslösen und zur Fortführung des Betriebs an den Staat übergeben zu können.
Ansprechpartner
Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Institut für Volkswirtschaftslehre (ECON), Prof. Dr. Kay Mitusch
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Flughafenregulierung (Stand des Wissens: 16.06.2023)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?302668
Literatur
[BrMy08] Brealey, R.A., Myers, S.C., Allen, F. Principles of Corporate Finance, Ausgabe/Auflage 9. Auflage, Mcgraw-Hill Professional New York, 2008
[MoMi58] Modigliani, F., Miller, M. The Cost of Capital, Corporation Finance and the Theory of Investment, veröffentlicht in American Economic Review, Ausgabe/Auflage Vol. 48, No. 3, 1958
Weiterführende Literatur
[ThGr16] Thiessen, Friedrich, Gramlich, Ludwig Flughafenentgelte
Situation - Probleme - Änderungsvorschläge, 2016

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?302273

Gedruckt am Sonntag, 14. Juli 2024 10:26:58