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Private Flughäfen im Vergleich zu Flughäfen in öffentlicher Hand

Erstellt am: 09.11.2007 | Stand des Wissens: 11.11.2016
Synthesebericht gehört zu:
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike

Die 1990er-Jahre waren von Privatisierungen im Flughafensektor geprägt. Dabei kam es zur Übergabe der wirtschaftlichen Aktivitäten und der Kontrolle vom öffentlichen an den privaten Sektor, beinhaltet aber nicht immer die Übertragung der Besitzrechte. Die erste große Privatisierung von Flughäfen fand 1987 in Großbritannien mit dem Börsengang der Flughafenbetreibergesellschaft British Airport Authority (BAA) statt. Diese Gesellschaft betrieb zu dem Zeitpunkt die drei Londoner Flughäfen Heathrow, Gatwick und Stansted sowie die vier schottische Flughäfen Aberdeen, Edinburgh, Glasgow und Prestwick [Grah14].

Besonders in Westeuropa, Asien und Lateinamerika ist eine Privatisierungstendenz im Flughafensektor zu erkennen. Im Vergleich dazu befinden sich nahezu alle Flughäfen in den Vereinigten Staaten von Amerika, die durch kommerzielle Fluggesellschaften bedient werden, im Besitz der öffentlichen Hand. Aufgrund fortschreitender Globalisierung und eines sich verschärfenden Wettbewerbs sehen sich die Flughafenbetreiber einem immer größeren Druck ausgesetzt, kostengünstigere Methoden für den Flughafenbetrieb zu etablieren. Der steigende ökonomische Druck veranlasst die Regierungen zur Privatisierung der Flughäfen, da der Investitionsbedarf für den Ausbau von Flughäfen sehr hoch ist und entsprechendes Kapital zur Verfügung gestellt werden muss. Allerdings fallen Flughäfen unter die öffentliche Daseinsfürsorge. Diese umschreibt die staatlichen Aufgaben zur Bereitstellung der für ein geregeltes menschliches Dasein notwendigen Güter und Leistungen. Dazu zählt als Teil der Leistungsverwaltung die Bereitstellung von öffentlichen Einrichtungen für die Allgemeinheit, also auch Flughäfen für das Verkehrs- und Transportwesen.

Auch in Deutschland ist der Trend zu Teil- bzw. Vollprivatisierungen von Flughäfen zu beobachten. Das langfristige Ziel des Bundes - als Gesellschafter der Flughäfen - ist es, seine Anteile zu verkaufen und weitere Flughäfen oder Flughäfenbereiche zu privatisieren. Die folgende Tabelle in Abbildung 1 zeigt alle deutschen internationalen Flughäfen und deren Gesellschafter [Dumm05].


Privatisierungsentw_dt_Flughafen.jpgAbbildung 1: Eigentumsverhältnisse der internationalen Verkehrsflughäfen in Deutschland [Dumm05]

Um einen öffentlichen Flughafen in eine private Organisation zu überführen, existieren verschiedene Methoden und Modelle, von denen nachfolgend fünf aufgelistet sind:
  • Ausgliederung: traditionelle Privatisierungsmethode, bei der das staatseigene Unternehmen auf die öffentliche Kontrolle verzichtet. Es werden ausgewählte Dienste wie Restaurantbetriebe, Sicherheitsdienste oder die Gepäckabfertigung privatisiert.
  • Vertragsmanagement: das Management und der Betrieb werden dem privaten Sektor übertragen, während die Investitionsverantwortung beim Staat verbleibt.
  • Langzeit-Miete: Möglichkeit der Übertragung des Betriebs, des Managements und der Investitionsverantwortung an den privaten Sektor. Das Hauptziel ist die Erhöhung der finanziellen Unterstützung bei gleichzeitigem Transfer der betrieblichen Verantwortung.
  • Build-Operate-Transfer (BOT): erleichtert neue Großinvestitionen unter Beibehaltung des staatlichen Besitzes und der Kontrolle. BOT-Projekte werden in vielen Ländern für den Neubau von Flughäfen durchgeführt. Ein Beispiel ist der Flughafen Athen.
  • Vollständige Veräußerung und Verkauf von Aktien: Übergabe der Besitzrechte zusammen mit der Verantwortlichkeit für Management und Investitionen an den privaten Sektor. Ein gängiges Modell dieser Methode ist der Build-Own-Operate (BOO) Ansatz. Voraussetzung für diese Methode ist allerdings ein hochentwickelter Kapitalmarkt.
Die internationale Studie "An Empirical Investigation of Financial an Operational Efficiency of Private Versus Public Airports" [VaHa03] vergleicht die Effizienz von privatisierten und staatlichen Flughäfen, sowohl im betrieblichen als auch im wirtschaftlichen Bereich. Als Grundlage dienen Daten von 15 Flughäfen, die sich in privatem oder öffentlichem Besitz befinden und auf Grund ihrer Ähnlichkeit bezüglich der Größe der Hub-Flughäfen vergleichbar sind. Dabei werden als Beispiel für private Flughäfen die der Betreibergesellschaft Heathrow Airport Holdings Limited herangezogen. Die staatlichen Flughäfen werden durch die acht größten US-amerikanischen Flughäfen repräsentiert. Die empirische Studie zeigt, dass die Kosten pro Landung und pro Passagier der privatisierten britischen Flughäfen höher sind als die der staatlichen US-amerikanischen-Flughäfen. Die Länder mit privatisierten Flughäfen verhängen im Allgemeinen eine Form der Preisregulierung oder Landeentgelte. Großbritannien erlaubte eine marktbasierten Preisregulierung, welche beispielsweise den Flughäfen in Spitzenzeiten gestattet von den Fluggesellschaften höhere Entgelte zu erheben. Folglich ist die Privatisierung als nicht erfolgreich dahingehend zu bewerten, dass die Bürger den Service, den sie von einem öffentlichen Flughafen erwarten, nicht zwangsläufig zu geringen Kosten angeboten bekommen. Die Einnahmen pro Passagier und Einnahmen pro Landung sind bei privatisierten britischen Flughäfen höher als bei den betrachteten öffentlichen Flughäfen, was im Umkehrschluss auf eine höhere Beteiligung der Passagiere an den Entgelten rückschließen lässt. Die Privatisierungsverfechter verweisen dennoch auf produktives Wachstum an den britischen Flughäfen als Indiz für die Fähigkeit der privatisierten Flughäfen diese effizienter zu betreiben. Die Rentabilität ist das Ergebnis der Beziehungen zwischen behördlicher Kontrolle, der Wahl des Dienstleistungsmarktes, Marktmacht und der Produktivität [VaHa03].
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Merkmale des Luftverkehrs (Stand des Wissens: 27.02.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?249783
Literatur
[BAA00] k.A. BAA plc History, 130 Wilton Road London SW1V 1LQ United Kingdom , 2000
[Dumm05] Frank Dummann Privatisierungsentwicklung im deutschen Flughafensektor, veröffentlicht in Forschungsprojekt GAP (German Airport Performance), 2005/07
[Grah14] Anne Graham Managing Airports. An international perspective, veröffentlicht in University of Westminster, School of Architecture and the Built Environment, Ausgabe/Auflage 4. Auflage, Routledge London und New York, 2014, ISBN/ISSN 9780415529419
[VaHa03] Bijan Vasigh, Medhi Haririan An Empirical Investigation of Financial and Operational Efficiency of Private Versus Public Airports, veröffentlicht in Journal of Air Transportation, Ausgabe/Auflage Vol. 8, No. 1, 2003
Glossar
Hub Der Begriff Hub kommt vom englischen Begriff "Hub and Spoke", was im Deutschen "Nabe und Speiche" entspricht. Der Hub dient als Sammel- und Knotenpunkt für Hauptverkehrswegen für den Umschlag und die Zusammenfassung von Warenströmen in alle Richtungen, d.h. zur Warenübergabe an regionale Verteiler. Im Postwesen handelt es sich bei Hubs häufig um Paketzentren. Die Transportmittel zur weiteren Beförderung der Sendungen variieren (Schiffe, Flugzeuge, Lkw).

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?241596

Gedruckt am Donnerstag, 18. Juli 2024 00:21:56