Industrielle Kontraktlogistik
Erstellt am: 31.05.2007 | Stand des Wissens: 14.12.2023
Synthesebericht gehört zu:
Ansprechperson
Technische Universität Hamburg, Institut für Logistik und Unternehmensführung, Prof. Dr. Dr. h.c. W. Kersten
Die industrielle Kontraktlogistik beinhaltet verschiedene logistische Dienstleistungen im B2B-Bereich, die sich mit der Herstellung und Beschaffung von Rohstoffen oder Bauteilen und deren Lieferungen befassen. Sie umfasst auch die Lieferung und Bereitstellung von industriellen Materialien für die Produktion sowie den After-Sales-Bereich, insbesondere die Ersatzteillogistik. Darüber hinaus umfasst sie den Zusammenbau von herkömmlichen industriellen Produkten, wie z.B. Maschinen, Geräten, elektrotechnischen Anlagen und Fahrzeugen. Gegenstand der industriellen Kontraktlogistik ist die Bedarfsplanung und Bedarfsdeckung von Materialien und den dazugehörigen Informationen in der industriellen Wertschöpfungskette [Koe18, S. 589.]. Dabei weißt die industrielle Kontraktlogistik nach Klaus et al. [KlKr12, S. 286f.] unter anderem folgende charakteristisch Merkmale auf:
- Die logistischen Aktivitäten finden nahe oder innerhalb der Fertigungsstätten der Industrie statt.
- Außerdem laufen sie meist in spezialisierten, kundenindividuell gestalteten Systemen ab.
- Die bei Transporten und der Lagerung anzutreffenden Güter sind vornehmlich Stück- und Ladungsgüter im Materialeingang oder unverpackte industrielle Erzeugnisse und Ersatzteile im Fertigproduktions-Ausgang [KlKr12, S. 286f.].
- Die 'Flüsse' der Güter sind vielfach als sogenannte Just-in-Time-Versorgungsketten zwischen Produktionslinien oder aus Pufferlagern in die Produktion organisiert. Der Lieferant liefert nur die Menge, die der Kunde in einem kurzen Zeitraum benötigt, sodass dieser auf eine Lagerung der Ware verzichten kann.
- Zunehmend werden in die Versorgungsketten leichte Montage- und Konfektionierungsarbeiten integriert [KlKr12, S. 286f.]. Diese Tätigkeiten, die nicht zu den traditionellen logistischen Dienstleistungen zählen, werden als sogenannte Value-Added-Services bezeichnet [KlKr12, S. 375].
Die Subsegmente der industriellen Kontraktlogistik werden nach Branchen unterteilt. Dazu gehören unter anderem die Automobilwirtschaft, die metallverarbeitende Industrie, Holz-, Papier-, Glas-, und Kunststoffindustrie und auch die elektronische Industrie. Die Produkte und Systeme in der industriellen Kontraktlogistik können sehr heterogen ausgestaltet sein. Die Dienstleister der industriellen Kontraktlogisitk benötigen hohe Kompetenzen in der Informationstechnologie, damit die Kommunikation zwischen den Systemen der Lieferanten und Hersteller gewährleistet wird [KlKr12, S. 287]. Darüber hinaus wird die Fähigkeit und die Bereitschaft benötigt, auch nicht-traditionelle Logistikaufgaben zu übernehmen. Dazu gehören Montagetätigkeiten, Aufbaudienste, C-Teile-Management, Entsorgungsdienste sowie Service- und Kundenbetreuungsaufgaben. Kreativität und Innovationsfähigkeit sind bei der Optimierung von Strukturen und Prozessen ein wichtiger Bestandteil. Die Ausprägung dieser Fähigkeiten kann zu einem wichtigen Wettbewerbsvorteil für den Dienstleister führen [KlKr12, S. 287f.]. Laut einer Studie über die Handelsjahre 2016/2017, hat die industrielle Kontraktlogistik am Gesamtkontraktlogistikvolumen einen Anteil von circa 73 Prozent [Schw16, S. 6].
Zudem ist in der industriellen Kontraktlogistik anzunehmen, dass der Anteil der ausgelagerten Dienstleistungen zunehmen wird [MuGr16, S. 20]. Das Potenzial ist größer als in der Konsumgüterkontraktlogistik, da der aktuelle Grad des Outsourcings nur bei 25 Prozent liegt (im Vergleich zu den 35 Prozent bei der Konsumgüterkontraktlogistik) [MuGr16, S. 8]. In der Industrie ist zu beobachten, dass neben klassischen Logistikdienstleistungen immer mehr logistikfremde Dienstleistungen ausgelagert werden [MuGr16, S. 8]. Außerdem gibt es ein Entwicklungspotenzial in der Branche bezüglich des Konzentrationsgrades. Dieses ist zurzeit noch sehr niedrig. Zudem wird aufgeführt, dass die Aufträge derzeitig noch an bekannte und regionale Speditionen vergeben werden [MuGr16, S. 7f.]. Allerdings gibt es in einigen Teilbranchen auch wieder vermehrtes Insourcing. So kann eine Branche aus Dienstleistersicht unattraktiv werden, da hier durch großen Wettbewerb, hochprofessionelle Vergabepraktiken und einer ungleichen Machtverteilung die Margen zu gering werden. Ein Beispiel diesbezüglich stellt die Automobilbranche dar [BuWr15; MuGr2014; MuGr16, S. 7f.].