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Beschäftigungsstruktur in der Binnenschifffahrt

Erstellt am: 26.11.2004 | Stand des Wissens: 26.04.2023
Synthesebericht gehört zu:
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Verkehrsplanung und Logistik, Prof. Dr.-Ing. H. Flämig


Während ihrer Arbeitszeiten auf den Binnenschiffen sind Binnenschiffer einer Vielzahl von verschiedenen Einflüssen und Faktoren beeinträchtigt, die ihre Arbeit schwierig gestalten. Zu ihrer körperlich anstrengenden Arbeit gehören Arbeitsbedingungen wie schwankender und oft rutschiger Boden, unterschiedliche klimatische und witterungsabhängigen Verhältnisse sowie starker Lärm, Vibrationen und sie sind zudem teilweise Stäuben, chemischen Gasen und Dämpfen ausgesetzt. Weiterhin führen die in der Binnenschifffahrt üblichen Arbeitszeitsysteme zu längeren Abwesenheitszeiten von zu Hause, was sich psychisch belastend auswirken kann [BAG09a, BAG10].

Die hohen physischen und psychischen Belastungen spiegeln sich im Krankheitsgeschehen wider: Die durchschnittliche Dauer der Arbeitsunfähigkeit liegt über der in anderen Berufsfeldern. Der Anteil derjenigen, die aufgrund verminderter Erwerbstätigkeit vorzeitig in den Ruhestand gehen, ist allerdings ungefähr im Durchschnitt aller Berufsgruppen [BAG09a, BAG10].

Die Zahl der in der Binnenschifffahrt Beschäftigten war von den Jahren 2007 bis 2011 konstant rückläufig. Im Jahr 2012 konnten erstmalig wieder Beschäftigungszuwächse (8,7 Prozent) verzeichnet werden. Seitdem nimmt die Anzahl der Beschäftigten in der Binnenschifffahrt jedoch wieder ab. So waren im Jahr 2017 insgesamt 6.805 Personen beschäftigt, während im Jahr 2012 noch 7.713 Beschäftigte verzeichnet wurden. Im Jahr 2020 kam es wieder zu einer Abnahme, so dass die Gesamtanzahl der Beschäftigten bei 5.831 lag. Hiervon waren 4.294 dem fahrenden Personal und 1.537 dem Landpersonal zuzuordnen (siehe Abbildung 1).

Bild11.jpg Abb. 1: Entwicklung der Beschäftigung in der deutschen Binnenschifffahrt von 2011 bis 2020 [BDB11a, BGB20, BDB22a] (Grafik zum Vergrößern bitte anklicken)


Gleichzeitig lässt sich ein kontinuierlich steigender Altersdurchschnitt der in der deutschen Binnenschifffahrt Beschäftigten feststellen. Die Beschäftigtenzahlen in der Altersgruppe der 25- bis unter 55-Jährigen entwickelte sich in den letzten Jahren rückläufig und lag Ende des Jahres 2019 bei rund 69 Prozent. Demgegenüber steigt die Anzahl der über 55-Jährigen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten auf knapp 31 Prozent [BAG].

Auch im internationalen Vergleich wird die Alterung deutschen Personals deutlich. Der Großteil des europäischen Schiffsführerpersonals ist älter als 40 Jahre. Das Alter deutscher Schiffsführer liegt über dem europäischen Durchschnitt, was bedeutet, dass ein Großteil der Schiffsführer in 10 bis 20 Jahren in den Ruhestand gehen wird. Auch das deutsche Betriebspersonal ist älter als der europäische Durchschnitt. Ein Drittel des deutschen Personals ist zwischen 53 und 62 Jahre alt. Besonders im Vergleich zu den Niederlanden, die eine deutlich jüngere Altersstruktur aufweisen, stellt die Altersstruktur in Deutschland einen wirtschaftlichen Risikofaktor dar. Der Großteil niederländischer Schiffsführer ist zwischen 30 und 35 Jahre alt, während die über 53-Jährigen, im Gegensatz zu Deutschland, nur noch einen geringen Anteil am Gesamtbestand ausmachen [ZKR14].

Die Ausbildungsaktivität in der deutschen Binnenschifffahrt hat sich dementsprechend in den letzten Jahren deutlich erhöht. Die Gesamtzahl der Auszubildenden ist seit dem Jahr 2016 gestiegen und lag im Jahr 2020 bei 389 Personen [BDB22a]. Dennoch reicht die derzeitige Zahl der Absolventen nicht aus, um das ausscheidenden Personal zu ersetzen [ZKR09, BAG09a]. Der Nachwuchsmangel ist eher auf das fehlende Angebot an Ausbildungsplätzen zurückzuführen als auf fehlendes Ausbildungsinteresse. Zurzeit bildet lediglich ein Teil der Unternehmen fahrendes Personal aus. Während vor allem größere Unternehmen sowie Wasser- und Schifffahrtsverwaltungen des Bundes teilweise über den eigenen Bedarf ausbilden, bestehen insbesondere bei kleineren Unternehmen kaum Anreize, Ausbildungsplätze zu schaffen [BAG09a]. Der Bund reagiert seit dem Jahr 1999 auf den Ausbildungsmangel in der Binnenschifffahrt mit einem Förderprogramm. Seit dem Jahr 2003 dürfen zum Beispiel Auszubildende zur Mindestbesatzung gemäß Rheinschiffsuntersuchungsordnung (RheinSchUO) gezählt werden [BAG09a].

Dem Problem der Überalterung und dem zunehmenden Arbeitskräftemangel versucht die deutsche Binnenschifffahrt zudem mit dem verstärkten Einsatz ausländischen Personals zu begegnen. Während der Anteil der ausländischen Beschäftigten im Jahr 1999 noch bei 11,9 Prozent lag, betrug dieser im Jahr 2011 23,5 Prozent. Bis zum Jahr 2019 sank der Anteil jedoch wieder auf rund 21,3 Prozent [BAG15, BAG]. Der Anteil der ausländischen Beschäftigten wird in Deutschland von Arbeitskräften aus Mittel- und Osteuropa, wie beispielsweise Polen, Tschechen, Rumänen, Bulgaren und Ungarn, dominiert [BAG09a, ZKR09, ZKR13d].
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Verkehrsplanung und Logistik, Prof. Dr.-Ing. H. Flämig
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Binnenschifffahrt (Stand des Wissens: 26.04.2023)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?90920
Literatur
[BAG] Bundesamt für Güterverkehr (Hrsg.) Marktbeobachtung Güterverkehr
Auswertung der Arbeitsbedingungen in Güterverkehr
und Logistik 2020-I, 2020/11
[BAG09a] Bundesamt für Logistik und Mobilität BAG - Marktbeobachtung Personalsituation in der deutschen Binnenschifffahrt, 2009
[BAG10] Bundesamt für Logistik und Mobilität Marktbeobachtung Güterverkehr - Monitoring der Arbeitsbedingungen in Güterverkehr und Logistik, Köln, 2010
[BAG15] Bundesamt für Güterverkehr (Hrsg.) Marktbeobachtung Güterverkehr - Auswertung der Arbeitsbedingungen in Güterverkehr und Logistik 2015-I
- Fahrerberufe -, 2015
[BDB11a] k.A. Bundesverband der Deutschen Binnenschiffahrt e.V. - Daten & Fakten (ab 2001), 2011
[BDB22a] Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt e.V. (Hrsg.) Daten & Fakten 2021/2022, 2022
[BGB20] Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt e.V (Hrsg.) Daten & Fakten 2019/2020, 2020
[ZKR09] k.A. Marktbeobachtung der europäischen Binnenschifffahrt 2009-1, Marktbeobachtung Nr. 9, Situation von Angebot und Nachfrage im Jahr 2008 und Analyse der Konjunktur Mitte 2009, 2009/10
[ZKR13d] Zentralkommission der Rheinschifffahrt (Hrsg.) Europäische Binnenschifffahrt - Marktbeobachtungen 2013, 2013/09
[ZKR14] Zentralkommission der Rheinschifffahrt (Hrsg.) Europäische Binnenschifffahrt - Marktbeobachtung 2014, 2014/09

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?123527

Gedruckt am Mittwoch, 21. Februar 2024 22:04:15